Familienwahnsinn

Vor genau einem Monat hat sich unser Familienalltag von heute auf morgen verändert. Auch nach einem Monat freuen wir uns über die zahlreichen glücklichen Zufälle, die mir einen Job in Teilzeit und unserem Sohn einen Nachrücker-Kita-Platz verschafft haben – zumindest größtenteils. Ich kann nicht leugnen, dass ich wirklich sehr gerne in aller Frühe mit meinen beiden Männern aufstehe, um zur Arbeit zu radeln während der Vater unseren Sohn in die Kita bringt. Ich finde mich so langsam wieder in diesen Arbeitsalltag ein und es tut mir verdammt gut. Ich habe es vermisst, dieses Erledigen von Aufgaben, das Abarbeiten von Dingen, das Zusammenarbeiten mit Kollegen, dieses Meistern von neuen Herausforderungen. Das soll nicht heißen, dass Mutter-Sein keine Herausforderung ist – ganz bestimmt ist es eine der größten Herausforderungen. Ich habe nur diese Art der Arbeits-Herausforderung vermisst. Die Mutter-Herausforderung hört auch mit der Berufstätigkeit nicht auf, sie nimmt nicht ab, sie wird nicht weniger, sie wird anders.

Mutter-Sohn-Zeit

Während vor noch einem Monat mein Sohn und ich gemeinsam in aller Freiheit unseren Tag, unsere Wochen und Monate takteten, so fügen wir uns nun einem ziemlich straffen Zeitplan. Gesetzt ist, dass ich um 8:00 Uhr an meinem Schreibtisch sitze und unseren Sohn spätestens um 15:00 Uhr von der Kita abhole. Das kann manchmal ein ganz schönes Gehetze sein. Aber das habe ich mir so ausgesucht. Wir könnten unseren Sohn auch noch länger betreuen lassen, aber das bringe ich nicht übers Herz. Die Zeit mit ihm ist so knapp bemessen und es ist mir nichts wichtiger, als dass mir diese Zeit bleibt.

Denn ich vermisse unseren Sohn sehr. Den einen Tag mehr, den anderen weniger. Aber immer wieder kehren meine Gedanken zu ihm. Ich denke darüber nach, was er wohl gerade macht, mit wem er spielt, ob er sein Mittagessen gegessen hat und nun schläft. Ich frage mich, ob er mir böse ist, dass ich nicht mehr den ganzen Tag bei ihm bin. Frage mich, ob ich mich als Mutter richtig verhalte. Ob ich alles richtig mache. Unser Sohn strahlt mich an, wenn ich ihn aus der Kita abhole. Er spielt vergnügt, schläft und isst problemfrei – ihm geht es gut. Und trotzdem bleiben da diese Restzweifel. Diese kleine Stimme, die sich immer wieder meldet und mich zweifeln lässt.

Dabei geht es mir – als Frau, Partnerin und Mutter – sehr gut. Ich fühle mich ausgeglichener, angekommener. An den meisten Tagen bin ich mir sicher, dass dieser Weg unserer Familie, unserer Ehe und mir gut tut. An den anderen Tagen weiß ich es nicht, aber diese Restzweifel sind normal, denke ich. Schließlich ist diese krasse Veränderung noch sehr frisch. Es braucht seine Zeit bis wir uns alle an unseren neuen Alltag gewöhnt haben.

Prioritäten setzen

Etwas habe ich vergessen, denn eine Sache kommt doch entschieden zu kurz: Der Haushalt. Die Wäsche stapelt sich, der Boden ist ein einziges Krümelmeer und die Staubschicht wird auch nicht kleiner. Doch zu Recht kommt er zu kurz. Denn ich habe mir geschworen, dass ich die drei Nachmittags-Stunden, die mir mit unserem Sohn bleiben bis der Vater von der Arbeit heim kommt, ganz bewusst mit ihm verbringe. In dieser Zeit möchte ich keine weiteren To-Do’s abhaken, will mich nicht mit Einkäufen und Wäsche beschäftigen, sondern mit unserem Sohn. Ich will mit ihm spielen, schmusen, will mit ihm spazieren gehen, Freunde treffen und ihn beobachten. Diese drei Stunden, das ist die Zeit, die uns gehört. Manchmal da freue ich mich unermesslich auf den Nachmittag mit unserem Sohn, aber unser Sohn ist müde oder einfach mies gelaunt. Das Mutter-Dasein ist eben immer noch unberechenbar.

Unser Leben ist definitiv anders geworden, positiv anders. Viele Menschen im meinem Umfeld können nicht nachvollziehen, dass ich schon wieder 30 Stunden arbeite. Viele – vor allem Gleichaltrige – aber haben sich mit mir und für mich gefreut. Irgendwie ist diese ganze Arbeits-Thematik doch immer noch eine Generationenfrage. Doch Generation hin oder her. Wir haben diese Entscheidung bewusst gemeinsam als Familie getroffen. Und genauso bewusst wir uns als Paar und Eltern für meine Berufstätigkeit entschieden haben, haben wir uns als oberste Priorität gesetzt, dass wir diesen Schritt wieder zurückgehen, sollte es einem unserer Familienmitglieder mit dieser Lösung nicht gut gehen – allen voran natürlich unserem Sohn.

Mit diesem Artikel bewerben wir uns für den ERGO Blog Award #DeinWeg 2016.

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