Außerhalb der Zeit

Als wir erfuhren, dass in meinem Bauch ein kleiner Mensch heranwächst, da wussten der Vater und ich, dass sich unser Leben ändern wird. Nicht ein kleines bisschen, sondern ganz grundlegend. Seit diesem Moment sind wir nicht mehr zu zweit. Von da an waren wir zu dritt. Wir hatten von jetzt auf gleich einen Mitbewohner fürs Leben. Wir waren nicht mehr nur ein Paar, sondern ganz plötzlich Eltern, eine richtige kleine Familie.

Freudentaumel

Wir waren überwältigt von der Botschaft – in jeder Hinsicht. So viel Glück und Freude haben wir in diesem Ausmaß bis dahin nicht gekannt. Aber es mischten sich unter unsere Glücksgefühle auch immer wieder Sorgen und Ängste. Denn das, was da auf uns zukam, war ungewiss. Unvorstellbar und irgendwie ungreifbar, obwohl wir dabei zusehen konnten, wie mein Bauch wuchs und das kleine Kerlchen sich turnend auf das Leben vorbereitete. 

Wir können es kaum glauben, dass aus unserem kleinen „Wurmi“, auf den dieser Spitzname nicht mehr im entferntesten passt, mittlerweile ein kleiner ziemlich quirliger Blondschopf geworden ist. Ein kleiner Junge, der jeden Tag seinen Wortschatz erweitert, noch ein bisschen höher hüpfen oder schneller laufen kann und uns nicht mehr braucht, um seine Socken an- und auszuziehen. Unser Leben ändert sich permanent und mit jedem Fortschritt, den unser Sohn macht und der uns mit Stolz erfüllt, stellt sich ein bisschen Wehmut ein. Wehmut nach der Zeit, die bereits vergangen ist. 

Doch ebenso wie sich unser Leben ständig wandelt, so ist unser Tagesablauf geprägt von Ritualen und Strukturen, die sich mit der Zeit ebenfalls ändern. Jeden Morgen schauen der Vater und der Sohn aus dem Dachfenster im Kinderzimmer bevor wir uns in die untere Etage begeben, um zur Kita oder zur Arbeit aufzubrechen. Manchmal beobachten die beiden das Müllauto, dann dauert die Fensteraktion schon einmal ein bisschen länger. An einigen Tagen regnet es, da ist es zu nass zum Spähen. An anderen Tagen beobachten die beiden den Sonnenaufgang oder die Vögel, die zwitschernd den Tag begrüßen. Egal, was es zu sehen gibt und wie lange die beiden hier am Fenster stehen, es ist ein festes Ritual. Diese Rituale helfen uns, unseren Tag zu strukturieren und der Wut unseres Sohnes zu begegnen. Und ganz ehrlich, so ein kleines Gewohnheitstier steckt doch in uns allen. 

Phantasiewelten

Wir haben uns vor der Geburt unseres Sohnes ausgemalt, wie unser Leben wohl aussehen wird, wenn wir Eltern sind. Wir haben unserer Phantasie freien Lauf gelassen und ja, die konnte ganz schön blühend sein. Aber niemals haben wir damit gerechnet, dass unser Leben so sein wird, wie es jetzt ist. Das Gefühl, Eltern zu sein, ist nicht in Worte zu fassen. Und wenn man es dennoch versuchen würde, so könnte man es nicht wirklich vermitteln, denn es ist ein ganz individuelles, vereinnahmendes Gefühl. So verschieden wie wir Menschen sind, so unterschiedlich ist auch das Gefühl, das wir als Eltern empfinden. 

Höhen und Tiefen

Es gibt Tage, da sind wir einfach nur überglücklich. An solchen Tagen ist unsere Welt eine rosarote Glitzerwolke. Aber es gibt auch diese Tage, an denen wir nicht mehr weiter wissen. Tage, an denen unser Sohn wütend ist. An denen wir ratlos sind, was wir als Eltern tun sollen. Es gibt aber auch Tage, da werden wir nicht von den Wut- und Trotzanfällen unseres Sohnes oder einem zahnenden Kind aus der Bahn geworfen, sondern von dem ganz normalen „Erwachsenenkram“. Auch wir Eltern haben mal einen schlechten Tag. Warum? Das weiß kein Mensch. Auch wir haben mal Stress mit Freunden, mit Nachbarn oder der Familie. Und ganz oft stellt uns der Spagat zwischen Berufs- und Familienleben vor ziemlich große Herausforderungen.

Kurzurlaub

Um den Geburtstag unseres Sohnes in vollen Zügen genießen zu können, haben der Vater und ich früh beschlossen, uns an diesem Tag frei zu nehmen. Anfangs schien es, dass die vier letzten Backenzähne, die unseren Sohn gerade ziemlich quälen, unsere Pläne durchkreuzen würden, denn wir wollten einen Kurztrip unternehmen. Freitags rief die Kita mich an, damit ich unseren fiebernden Sohn abholte. Das Fieber legte sich aber schnell, ein starkes Zuneigungs – und Nähebedürfnis und eine sehr geringe Bewegungslust blieben. Der kleine Mann war froh und glücklich, wenn wir Eltern bei ihm waren.

Eigentlich perfekte Voraussetzungen für einen Kurzurlaub zu dritt. Keine Verpflichtungen und bedingungslos viel Zeit füreinander. Und so fuhren wir kurzerhand auf einen Bauernhof in die Eifel. Bevor wir eincheckten, erkundeten wir das nahe gelegene Monschau und freuten uns über das kleine Eifeldorf, das so viel Urlaubsgefühl in uns weckte.

Freunde hatten uns den Vennhof empfohlen. Unser Zimmer und das Frühstück waren hervorragend. Vom Bauernhof und der Spielscheune hatten wir uns etwas mehr erhofft. Vor allem der eigentlich ziemlich brave Hofhund sagte unserem Sohnemann überhaupt nicht zu. Kaum kam er um die Ecke gelaufen, sprang unser Sohn auf unseren Arm, weil der Vierbeiner ihm einfach nicht geheuer war. Aber so wirklich lange blieben wir auch nicht auf dem Bauernhof, denn meine Eltern kamen am Nachmittag kurzerhand vorbei. Unser Sohn jubelte: Endlich wieder beim Opa auf den Schultern die Welt von ganz weit oben betrachten. 

Eifelwanderung

So wanderten wir fünf samt Aussie-Doodle vom Vennhof in Richtung Monschau. Naja, die Richtung stimmte ziemlich oft nicht, aber so überquerten wir auf Umwegen morsche Brücken, schlängelten uns durch Trampelpfade und genossen die Ruhe und die Eifelluft. Irgendwann kamen wir dann doch in Monschau an. Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem sich der Himmel über uns entleerte. Also schnell rein ins Café. Stellte sich nur die Frage: Wie sollten wir wieder zum Vennhof, an dem unsere Autos parkten, zurück kommen?

Busse fuhren nicht mehr – es war ja auch schon nach 16 Uhr – und ein Taxi ist mit Kind, Hund und Kinderwagen nur bedingt geeignet. In der Tourismus-Information riet man uns, einen NetLiner zu bestellen. Also einen Bedarfsbus für uns ganz allein. Unser Sohn, der Busse ziemlich toll findet, war mehr als skeptisch. Irgendwie findet er diese Gefährte doch nur von außen zum Jubeln. 

Und dann hatten wir uns auch nicht richtig erkundigt. Denn der Bus ließ uns an einer Haltestelle raus, die noch rund zwei Kilometer vom Vennhof entfernt war. Da haben unsere Google-Künste und die Nettigkeit des Eifelbusfahrers wohl auf ganzer Linie versagt. Aber so kamen wir zumindest noch auf unseren Verdauungsspaziergang im Trockenen. Denn der Regen hatte sich wieder verzogen. Abends lagen wir Eltern ziemlich müde und glücklich im Bett, durch das unser kleine Mann aufgeregt hüpfte während er Fliegen jagte. Wir hatten überhaupt nichts besonders gemacht, sondern einfach nur einen Tag in der Natur mit unseren Lieben genossen. Ohne Verpflichtungen, ohne Vorhaben, ohne Zeitdruck.

Geburtstagsgesang

So entspannt starteten wir auch in den Geburtstag des kleinen Mannes. Während wir darauf warteten, dass das Frühstück serviert wurde, hörten wir in Endlosschleife seine Patenfamilie sein Geburtstagsständchen singen. Wie sehr 20 Sekunden Geburtstagsgesang erfreuen – oder uns auch nerven – kann, ist wirklich unfassbar. Das Frühstück ließ keinen Wunsch offen und gut gestärkt tuckerten wir in Richtung Heimat. Wie hätte es anders kommen sollen, legte unser Sohn uns ein dickes Ei auf dem Weg und wir mussten auf einem Lidl-Parkplatz einen riesigen Wickelstopp einlegen. Geburtstage sind eben etwas ganz Besonderes – in diesem Fall etwas ganz besonders Großes. 

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