Bedürfnisse in Balance

? Wie können sich Eltern verhalten, wenn ihre Kinder auf Verbote mit heftigen Wut- und Trotzanfällen reagieren? Wenn sie zum Beispiel alleine laufen, aber an einer Straße partout nicht an der Hand gehen wollen?

! Wut ist zunächst einmal ein wunderbar klares Zeichen, dass das Kind das Gefühl hat, dass eine ihm wichtige Grenze überschritten wurde. Deshalb finde ich, die Eltern dürfen sich in der Situation erst einmal leise freuen, dass ihr Kind ihnen so deutlich mitteilt, dass es ihm gerade nicht gut geht. Jesper Juul würde vielleicht sagen: „Es zeigt, dass seine kindliche Integrität verletzt wurde.“

Wenn also ein Kind trotzt oder sich verweigert, dann könnten die Eltern erst einmal gucken, ob nicht gerade ein wichtiges Bedürfnis des Kindes verletzt wird, zum Beispiel das nach Eigenständigkeit. Das Zusammenleben besteht ja immer aus einem Abwägen von den Bedürfnissen der Eltern und der Kinder. Nehmen wir das Beispiel mit der Hand-Regel an einer Straße. Diese Regel habe ich damals auch aufgestellt, als meine Kinder etwa ein Jahr alt waren und schon selbst laufen konnten, aber die Gefährlichkeit des Verkehrs noch nicht überblickten. Damals wog mein Bedürfnis nach Sicherheit schwerer, als ihr Bedürfnis nach Laufen ohne Hand. Das konnten sie ja überall sonst ausleben. In diesem Alter haben sie die Regel auch noch nicht in Frage gestellt – es war einfach so, und sie haben sich daran gehalten.

? Und wie ist es heute? Haben sich die Bedürfnisse und Regeln geändert?

! Nun ist mein jüngster Sohn gerade drei Jahre alt geworden. Oft nimmt er bei der Straße noch meine Hand, manchmal aber will er allein laufen, also ohne Hand, aber neben mir. Als das das erste Mal passierte, wollte ich nochmal nachdrücklich seine Hand nehmen, aber er verweigerte sie und rief laut: „Nein! Alleine laufen!“ Es war klar, wenn ich auf die Hand bestehe, würde er einen Wutanfall bekommen. Ich schaute also auf meinen kleinen Großen und wusste: Sein Bedürfnis hat sich verändert. Mein Bedürfnis nach Sicherheit ist gleich geblieben, aber sein Bedürfnis nach Selbständigkeit und „groß“ sein ist viel stärker geworden. Sein Verständnis für den Verkehr hat sich auch geändert. Er weiß mittlerweile, dass Autos schnell sind und Menschen tot fahren können, auch, wenn er die ganze Tragweite noch nicht versteht. Sein Risikobewusstsein reicht auch noch nicht dafür, dass er allein entscheidet, wann er über die Straße gehen kann. Aber es reicht locker dafür, dass er ohne Hand neben mir laufen kann. Ich konnte ihm vertrauen. Deshalb haben wir die alte Regel an die neuen Umstände und die neuen Bedürfnisse angepasst. Er darf also ohne Hand laufen.

? Und wenn das eigene Kind dennoch mal einen Wutanfall bekommt? Wie können Eltern dann reagieren?

! Man kann sehr viele Trotz- und Wutsituationen mit den Kleinen auflösen, indem man die Situation mit ihren Augen betrachtet und überlegt, ob das, was sie wollen, wirklich weniger wichtig ist, als das, was die Eltern wollen. Wenn die Eltern dabei zu dem Schluss kommen, dass ihr Dreijähriger aber nicht verlässlich neben ihnen ohne Hand über die Straße gehen würde, sondern impulsiv losrennen, nun, dann wiegt ihr Bedürfnis nach Sicherheit schwerer und sie müssen die Hand-Regel trotz Geschrei durchsetzen. Oder sich eine andere Lösung ausdenken: Vielleicht will er auf dem Arm über die Straße getragen werden oder er würde zuverlässig den Buggy anfassen, statt die Hand. Man muss da ein bisschen kreativ sein.

? Wie wichtig ist es, dass Eltern in ihrem Verhalten und in ihren Regeln konsequent sind? Dürfen auch einmal Ausnahmen gemacht werden oder ist es gerade bei Kindern, die beginnen, sich selbst und ihren Weg zu finden, wichtig, klare Strukturen und Regeln vorzugeben und zu leben?

! Das kommt darauf an, was damit gemeint ist, dass „Eltern in ihrem Verhalten und in ihren Regeln konsequent“ sind.

Wenn es bedeuten soll, dass Eltern innerlich klar darüber sind, was sie wollen und was nicht, dann ist das in der Tat sehr wichtig. Manche Menschen missverstehen das aber und denken, sie müssten bei bestimmten Vorfällen immer gleich reagieren, unabhängig von Tagesform und -zeit. Das ist ja gar nicht machbar. Wir sind doch keine Roboter. An einem Tag finde ich es schön, wenn mein Sohn beispielsweise im Bad mit Wasser planscht, weil ich so Zeit habe, in Ruhe zu kochen, während er spielt. An einem anderen bin ich aber müde von der Arbeit und weiß, um 20 Uhr kommen Gäste und dann bin ich dem Planschen nun nicht mehr so positiv gegenüber eingestellt.

Wenn ich dann innerlich klar bin, kann ich einfach sagen: „Hör mal Sohn, gleich kommen die Gäste und ich möchte, dass das Bad trocken ist. Such dir mal was anderes zum Spielen.“ Ich brauche nicht mit ihm zu schimpfen, denn er hat ja mit dem Planschen nichts falsch gemacht. Es ist nur gerade ein ungünstiger Zeitpunkt.

Hätte ich nun aber eine Regel aufgestellt, weil ich denke, Kinder brauchen Grenzen, dann wäre ich sozusagen in die Rolle „des Elternteils“ geschlüpft, der „dem Kind“ sagt, was es zu tun oder zu lassen hat. Ich würde ihn vielleicht anmeckern oder zumindest darauf pochen, dass er vom Waschbecken weg geht, weil ich als Regelaufsteller die Aufgabe habe, zu überwachen, dass sie eingehalten wird. Aber meine echte innere Haltung (manchmal finde ich schön, dass er planscht, manchmal nicht) käme nicht zutage. Ich hätte meine innere Klarheit durch eine äußere Klarheit – die Regel – ersetzt. Beides sind Wege, die möglich sind. Beide Wege funktionieren. Welchen Weg man letzten Endes geht, kommt darauf an, was man sich für sein Kind wünscht.

? Es kommt also viel mehr darauf an, innerlich klar zu sein und verständnisvoll mit einander umzugehen als auf der strikten Einhaltung bestimmter Regeln? 

! So könnte man es sagen. Bei uns zuhause ist erst einmal grundsätzlich alles erlaubt, wenn es nicht lebensgefährlich ist. Das wissen meine Kinder. Aber die Freiheit des einen endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das wissen sie auch. Das heißt, wenn ich gerade nicht mag, wenn jemand im Bad wild mit Wasser planscht, dann sage ich das so. Und damit bin ich in meinem Verhalten konsequent. Meine Kinder lernen nämlich: Immer, wenn meine Mutter etwas stört, sagt sie mir Bescheid. Sie lernen auch, dass ich nicht immer gleich gut gelaunt bin oder gleich viel Geduld für ihre Experimente habe. Sie lernen, Rücksicht zu nehmen. Sie lernen, dass ich ein Mensch bin. Gleichzeitig dürfen sie natürlich auch sagen, wenn sie etwas stört und dann bin ich diejenige, die Rücksicht nimmt. Es ist ein Geben und Nehmen.

Hätte ich die Regel eingeführt, dass Planschen bei uns verboten ist, weil es Arbeit macht, das Bad hinterher zu wischen, dann würden sie lernen, dass es Regeln gibt und man diese einhalten muss, weil es sonst Ärger gibt. Das ist keine schlechte Lebensweisheit – das Einhalten von Regeln ist in unserer Gesellschaft ja durchaus wichtig. Sie hätten aber wenig über mich gelernt. Mein wahres Inneres bliebe hinter der Regel verborgen, nicht? Sie würden nicht lernen, auf meine Bedürfnisse zu achten, weil ich sie nicht aussprechen muss. Sie lernen nicht, Rücksicht auf die Tagesform eines anderen zu nehmen. Es ist ein Unterschied zwischen „Das darf man nicht!“ und „Das ist dem anderen unangenehm, also mache ich es nicht.“ Beide Arten der Erziehung sind grundsätzlich möglich. Für den einen passt dies, für den anderen das.

? Was ist, wenn Eltern nicht an einem Strang ziehen, unterschiedliche Regeln zugrunde legen oder heimlich gegen die Regeln des anderen Elternteils verstoßen?

! Wenn man davon ausgeht, dass Mama und Papa Individuen sind, mit unterschiedlichen Vorlieben und Toleranzgrenzen, dann passiert es automatisch, dass sie unterschiedliche „Regeln“ aufstellen. Als Au-Pair war ich in einer Familie, in der zum Beispiel großer Wert auf Tischmanieren gelegt wurde. Wir haben den Apfel zum Nachtisch mit Messer und Gabel gegessen, jeder hatte eine Stoffserviette auf dem Schoß und selbstverständlich wurde dabei nicht ferngesehen. Meine Au-Pair-Mutter war aus gutem Hause. Ihr wäre nie in den Sinn gekommen, die Abendessen weniger formell abzuhalten. Ich fand ihre ganze Welt total spannend und habe mich gern eingefügt. Wenn aber die Frau des Hauses abends nicht da war, hing ich mit dem Gastvater Pizza essend auf der Couch und guckte Cricket. Ich fand diesen Unterschied wunderbar! Kinder können ohne Probleme mit unterschiedlichen Regeln klar kommen – sie müssen nur eben authentisch aus der inneren Klarheit kommen.

? Gibt es denn Regeln, bei denen Eltern an einem Strang ziehen sollten, damit sie funktionieren? 

! Wenn Eltern sich dafür entscheiden, äußere Klarheit zu nutzen, also als Erwachsene Regeln für Kinder aufzustellen, dann ist es günstiger, wenn beide an einem Strang ziehen. Denn aufgesetzte Grenzen werden von den Kindern gern mal in Frage gestellt. Ist zum Beispiel die Regel, dass die Kinder um sieben Uhr schlafen gehen müssen, unterwandern sie diese oft, indem sie nochmal rauskommen, weil sie trinken wollen, oder es Monster unterm Bett gibt oder aus anderen denkbaren Gründen. Das ist für die Eltern schon schwer genug, einzudämmen. Und wenn nun noch Papa erlaubt, dass die Kinder ausnahmsweise bis acht wach bleiben, weil Mama an dem Abend ausgegangen ist, dann gibt es am nächsten Tag garantiert Revolte wegen der sieben-Uhr-Regel. „Aber bei Papa durften wir gestern…!“ Und schon ist Mama die Doofe, weil sie „nie was erlaubt“ und „immer so streng ist“. Wie frustrierend. Da ist Streit unter den Eltern vorprogrammiert.

? Ich verstehe, was Sie meinen. Aber bleiben wir mal bei dem Beispiel der Schlafenszeit. Ich bin abends einfach kaputt und will irgendwann meine Ruhe haben. Ich habe gespielt, und vorgelesen, und einen Bausteinturm gebaut. Ich habe mich also viel mit meinen Kindern beschäftigt. Aber irgendwann ist auch Schluss bei mir. Und vielleicht will vielleicht auch noch ein bisschen Zeit haben, um mit meinem Partner zu quatschen. Wie soll denn das gehen, ohne eine Regel einzuführen, dass die Kinder um eine bestimmte Uhrzeit im Bett sein sollen?

! Ich kann das Bedürfnis nach Ruhe sehr gut nachvollziehen, mir geht es nämlich ähnlich. Ich bin abends total geschafft und möchte meine Erwachsenendinge machen können, ohne, dass da meine Kinder rumspringen. So habe ich das ihnen gegenüber auch formuliert: „Ich möchte abends nicht mehr spielen.“ Das heißt ja aber nicht, dass sie deswegen nun gleich ins Bett müssen. Vielleicht sind sie noch nicht müde? Vielleicht wollen sie noch malen, oder basteln oder mit ihren Autos spielen. Das können sie gern machen, denn wenn meine Bedürfnisse beachtet werden, müssen auch die Bedürfnisse meiner Kinder beachtet werden. Diese Balance ist total wichtig, sonst funktioniert das mit dem Rücksicht nehmen nicht. Kinder lernen nur Rücksicht zu nehmen, wenn auch auf sie Rücksicht genommen wird.

? Ihre Kinder kommen dann nie zu Ihnen, wenn Sie abends noch in der Wohnung rumlaufen?

! Doch, na klar, das kommt vor. Manchmal kommen sie, weil sie das Bedürfnis haben, zu kuscheln oder sie haben sich gestritten und ich soll trösten. Manchmal soll ich die Schere oder den Kleber suchen kommen. Aber das ist eher die Ausnahme. Ich habe ziemlich viel Zeit für mich. Das Schöne an unserer Regelung ist, finde ich, dass meine Kinder keine Regel brechen, wenn sie zu mir kommen. Sie müssen sich auch keine Ausrede ausdenken wie Durst, Pipi, Monster…, um nicht angemault zu werden, warum sie schon wieder aus ihrem Zimmer raus gekommen sind. Ich glaube, dass allein dieser winzige Unterschied enorm viel ausmacht. Ohne sieben-Uhr-Bett-Regel bin ich nicht genervt, weil sie meine „Anweisung“ nicht befolgt haben und sie fühlen sich nicht wie Regelbrecher, wenn sie Sehnsucht nach meiner Nähe haben.

? Gehen Ihre Kinder dann selbst ins Bett oder schlafen spielend auf dem Boden ein? 

! *lacht* Nein, so ist es natürlich nicht. Nach dem Zähneputzen spielen die Kinder in ihren Schlafanzügen, bis sie merken, dass sie müde sind. Das kann zwischen sechs und neun Uhr sein. Meist schlafen alle drei etwa gegen acht Uhr ein. Mein Kleinster kommt einfach zu uns, wenn er müde ist und bittet um Einschlafbegleitung. Ich lege mich dann also mit ihm ins Familienbett und kuschle. Keine fünf Minuten später ist er eingeschlafen. Bei den Töchtern ist es ähnlich. Die eine spielt nicht so gern, sondern hört lieber Hörspiele. Das heißt, sie legt sich gegen sieben Uhr ins Bett und hört Geschichten. War der Schultag hart, schläft sie dabei quasi sofort ein. Sonst hört sie etwa eine Stunde lang. Dann komme ich, wünsche ihr eine gute Nacht und gebe ihr ein Küsschen. Ob sie dann wirklich schlafen will, bleibt ihre Entscheidung.

Meine andere Tochter spielt im Nebenzimmer mit ihren Püppchen und meist ist sie dabei so versunken, dass sie die Zeit vergisst. Deshalb ist es da die Aufgabe von uns Eltern, ihr immer wieder Bescheid zu geben, wie spät es ist und sie daran zu erinnern, dass sie am Morgen früh raus muss. Aber ob sie unseren Rat dann annimmt, ist wieder ihre Entscheidung. Irgendwann zwischen acht und neun Uhr macht sie das Licht aus und wir kommen, um sie zuzudecken, sie zu küssen und ihr eine Gute Nacht zu wünschen. Manchmal möchte sie, dass sich einer von uns noch kurz zu ihr legt, damit sie keine Albträume bekommt. Das machen wir dann auch, es dauert nur kurz. Während die Kinder spielen und nachdem sie eingeschlafen sind, ist dann unsere Erwachsenenzeit. Für uns passt das gut. Für andere Familien wäre es vielleicht unmöglich, das so zu machen.

? Wenn Kinder wütend oder trotzig sind, dann drücken sie ihre Unzufriedenheit oft körperlich aus: Sie beißen, kratzen, treten und schlagen. Wie können Eltern mit solchen Körperlichkeiten umgehen?

! Also erst einmal ist es wichtig, zu wissen, dass im Gehirn von kleinen Kindern eine bestimmte Kontrollschleife noch nicht richtig funktioniert. Die Nervenbahnen dazu bauen sich erst im Laufe der Kindheit auf. Werden wir Erwachsenen geärgert, dann haben wir auch manchmal den Impuls, zuzuhauen, aber dieser durchläuft dann die Kontrollschleife und dort wird in Sekundenbruchteilen abgewägt, ob ein Zuhauen angemessen ist, ob es uns selbst schaden würde oder auch, ob es dem Gegenüber schaden würde. Je nachdem, wie diese Evaluation ausfällt, schlagen wir doll, weniger doll oder gar nicht zu. Bei Kindern läuft dieser Prozess ohne Regulierung statt, das heißt sie haben den Impuls, zuzuhauen, weil sie sich ärgern und tun es dann auch ungebremst. Kurz: Sie haben noch keine Impulskontrolle. Bis sich diese entwickelt hat, können sie also eigentlich noch nichts dafür, dass sie uns beißen, kratzen, treten oder schlagen. Sie können den Impuls nicht unterdrücken, weil ihr Gehirn noch nicht reif dafür ist. Sie deswegen auszuschimpfen, wäre in etwa das Gleiche, wie ein drei Monate altes Baby auszuschimpfen, weil es noch nicht laufen kann.

? Aber sollten Kinder nicht durch eine Reaktion lernen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war?

! Sicherlich. Um die Nervenbahnen der kindlichen Kontrollschleife arbeitsfähig zu machen, ist es wichtig, dass wir authentisch reagieren, also Aua rufen oder auch weinen, wenn es uns weh tut. Das speichert das kindliche Gehirn ab. Tun wir dagegen so, als tangiere uns das nicht, speichert es ab, dass es nicht schlimm ist, wenn es beißt. Aber Vorsicht: Bei unter Einjährigen sollte man nicht laut Aua rufen, weil sie gerade in der Ursache-Wirkungs-Phase sind und die laute Reaktion das Beißen dann eher verstärken würde. Ich erkläre das ausführlich in unserem Buch. Es ist aber unnötig, zu schimpfen, wenn das Kind beißt. Man kann verärgert gucken und beispielsweise sagen, dass man nicht gebissen werden möchte, aber wie gesagt: Das Kind kann es nicht unterdrücken, daher ist Ausschimpfen total wirkungslos.

? Immer wieder hört man, dass Kinder auch mit Wut reagieren, wenn sie ein Geschwisterkind bekommen haben. Ist ja auch verständlich, sie müssen sich ihren Kinderstatus teilen, da ist Eifersucht vorprogrammiert. Was können Sie Eltern mit auf den Weg geben, die mit der Eifersucht von großen Geschwistern konfrontiert werden?

! Oh, das ist ein komplexes Thema, das ganze Bücher füllt. Ich versuche es mal mit einem Gedankenanstoß: Ich weiß nicht, ob Sie schon mal betrogen worden sind. Wer das schon einmal durchgemacht hat, weiß, es ist grauenvoll. Man fühlt sich plötzlich irgendwie wertlos, nicht mehr liebenswert. Man hat das Gefühl, der andere konnte sich nur neu verlieben, weil man selbst nicht gut genug war. Irgendwie fehlerhaft. Man stellt die ganze glückliche Zeit in Frage, überlegt, ob man nicht vielleicht die ganze Zeit nicht genug gewesen ist. Ob das alles nur eine Farce und man selbst nur ein netter Zeitvertreib gewesen ist. Waren all die Liebesbekundungen, die schönen Zeiten, das Lachen, die Liebkosungen echt gemeint gewesen?

Der betrogene Teil der Partnerschaft erniedrigt sich dann oft, um den Partner zu halten. Man versucht, sich zu ändern, um liebenswerter, begehrenswerter zu werden. Man versucht, fröhlicher und unternehmungslustiger zu sein. Kurz, man verbiegt sich, um zu gefallen. Doch immer wieder bricht die eigene Verletztheit durch. Man sagte fiese Dinge, man reagiert in Situationen, in denen eigentlich nichts ist, zickig; man verletzt den Partner mit Worten. Doch noch während diese Worte aus dem Mund fliegen, manchmal sogar schon Sekunden davor, weiß man eigentlich, dass man sich damit sein eigenes Grab schaufelt. Auf der anderen Seite der Stadt wartet die Nebenbuhlerin nur darauf, dass einem ein Fehler unterläuft und sie ihre Chance bekommt. Man weiß das als Betrogene. Trotzdem kann man sich die Spitzen nicht verkneifen. Sie brechen einfach ab und zu durch, ohne, dass es in unserer Macht steht, sie aufzuhalten.

? Das kann ich nur bestätigen: Das Gefühl, betrogen worden zu sein, ist schrecklich. Und so fühlen sich Kinder dann tatsächlich?

! Ja, denken Sie doch einmal darüber nach. Wir sind ihre erste große Liebe. Das Leuchten in unseren Augen gilt ihnen. Unser Lächeln gilt ihnen. Wir liebkosen sie, wir halten sie, wir trösten sie. Wir machen Ausflüge mit ihnen, backen Kuchen mit ihnen – so lange sie denken können, bekommen sie von uns uneingeschränkte Liebe und Aufmerksamkeit. Und plötzlich liegt da ein Geschwisterkind mit im Bett. Ein kleines quäkendes Bündel. Plötzlich schauen wir Eltern dieses Bündel genauso verliebt an. Das Leuchten in unseren Augen gilt nicht mehr nur unserem Erstgeborenen, sondern auch dem neuen Baby. Das darf ganz eng an uns gekuschelt sein. Wir haben plötzlich nicht mehr so viel Zeit oder Ressourcen, unendlich viel mit dem großen Kind zu kuscheln. Ist es da verwunderlich, dass sie aus Eifersucht Dinge tun und Sachen sagen, die verletzen? Ich finde nicht. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich plötzlich genauso wertlos empfinden, wie eine betrogene Ehefrau oder ein betrogener Ehemann. Dass sie genauso in Frage stellen, was bisher schön gewesen ist. Dass sie den Impuls haben, uns weh zu tun, so wie wir ihnen weh tun.

? Und da sind Körperlichkeiten gegen die Eltern nicht ungewöhnlich?

! Wenn eine Frau nach Hause kommt und den Mann mit einer anderen im Bett erwischt und unter Tränen mit ihren Fäusten versucht, auf ihn einzutrommeln, dann ist unsere Gesellschaft davon zwar nicht begeistert, aber verstehen können ihre Reaktion alle irgendwie. Tritt aber ein Kind nach seinen Eltern, die es mit dem Geschwisterkind „erwischt“ hat, oder es beißt, haut oder spuckt, dann rufen alle entsetzt, das ginge ja mal gar nicht. Viele Eltern denken, es müsse doch auch für das Erstgeborene schön sein, nun ein Geschwisterkind zu haben. Aber diese Liebe kommt erst sehr viel später. Zunächst ist das Neugeborene in seinen Augen „die andere“, die die Eltern wegnehmen will.
Deshalb ist mein Rat, das große Kind so zu behandeln, wie eine große Liebe, die ihr betrogen habt. Ihr wollt sie doch halten! Also bemüht euch um eure Großen, auch wenn sie euch verletzen. Sie haben Liebeskummer. Zeigt ihnen, dass sie wertvoll und liebenswert sind. Ihr braucht ihnen keine großen Geschenke machen oder Tamtam zu veranstalten. Aber geht zu ihnen, wenn Zeit ist. Zeigt ihnen, dass ihr gern mit ihnen zusammen seid, und dass ihr sie weiterhin liebt. Es braucht Zeit, diese Wunde zu heilen und wieder Vertrauen aufzubauen. Gebt ihnen diese Zeit.

? Wir Eltern wissen alle, dass Wut, Trotz und Eifersucht zum Leben dazugehören, ebenso wie jede Menge Freude, Glück und Liebe. Aber gibt es auch Ausmaße, die nicht mehr „normal“ sind?

! Ich glaube, keine Frage wird uns öfter gestellt. Und tatsächlich habe ich noch kein einziges Kind getroffen, dessen Ausmaß an Wut abnormal gewesen wäre – und ich arbeite mit offiziell diagnostizierten „verhaltensauffälligen“ Kindern, das heißt ich sehe schon die Kinder, die besonders heftig ausagieren.

Ich fürchte, wir Erwachsenen haben einfach verlernt, die normale Bandbreite an Verhalten zu erkennen. Ich schaue zum Beispiel in letzter Zeit mit meinen Töchtern Filme, die in meiner Kindheit gedreht wurden. Es geht darin immer um Schulkinder, also so zwischen sieben und zehn Jahren. In all diesen Filmen prügeln sich ein paar Kinder auf dem Schulhof. Und ja, die werden dann von den Lehrern getrennt und ausgeschimpft, aber niemand damals empfand es als unnormal, dass sich Kinder in diesem Alter noch nicht so weit unter Kontrolle haben, um einen Streit ohne Handgreiflichkeiten lösen zu können. Heute werden schon Kindergartenkinder zum Psychologen geschickt, weil sie „immer wieder hauen“.

? Klingt irgendwie so, als würden wir unsere Kinder durch Kontrolle und Eingreifen in ihrem Lernprozess gewissermaßen hemmen, sich natürlich zu entwickeln. 

! Unsere Generation der Erwachsenen hat vergessen, dass Kinder eine ganze Kindheit lang, also bis zur Pubertät, Zeit haben, ihre Gefühle und Impulse unter Kontrolle zu bekommen. Dazu haben sie aber fast keine Gelegenheit mehr, weil immer schon irgendwo ein Erwachsener bereit steht, um den Streit zu schlichten. Natürlich tun die Erwachsenen das aus guten Absichten. Sie wollen, dass die Kinder lernen, Dinge friedlich zu lösen. Dafür bin ich auch. Aber das ist halt ein langwieriger Lernprozess und da darf ab und zu auch mal was schiefgehen. Ich will nicht dafür plädieren, dass unsere Kinder sich unbeaufsichtigt gegenseitig prügeln dürfen – ich möchte nur, dass den Erwachsenen wieder bewusst wird, dass es normal ist, dass Kinder sich nicht andauernd unter Kontrolle haben und dass das Ausrasten dann auch heftige Ausmaße annehmen kann. Klar muss das Kind dann zur Räson gebracht werden, aber es soll ihm bitte nicht eingeredet werden, dass es irgendwie seltsam oder krankhaft sei, dass es so starke Gefühlsausbrüche hat.

Ich danke Ihnen für das tolle Gespräch!

Katja SeideKatja Seide schreibt zusammen mit Danielle Graf den Blog »Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn« www.gewuenschtestes-wunschkind.de, der viele Millionen Zugriffe verzeichnet. Sie ist Mutter von drei Kindern und arbeitet als Sonderpädagogin mit Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten in Berlin. Ihre Stärke ist das Analysieren von schwierigen Situationen zwischen Eltern und Kind und das anschließende Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten.

 

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