Der Traum vom Glück

? Man kennt diese Fälle: Kinder sollen den verpassten Traum ihrer Eltern Realität werden lassen. Die Eltern unternehmen sehr viel, damit ihre Kinder Model, Sportstar oder Sänger werden. 

! Eltern lieben ihre Kinder. Deshalb versuchen sie alles dafür zu tun, damit ihre Kinder später einmal glückliche Erwachsene werden. Jede Mutter und jeder Vater hat dabei eine ganz bestimmte Vorstellung davon, was Glück bedeutet. Alle Eltern hätten gerne ganz gewisse Möglichkeiten gehabt, um ihren eigenen Traum vom Glück zu verwirklichen. Um das zu werden, wovon sie immer geträumt haben. Da ist es nur allzu verständlich, dass Eltern ihren Kindern diese Möglichkeiten so früh wie möglich bieten wollen. Die Eltern wollen ihren Kindern die Wege ebnen, von denen sie glauben, dass sie zum Glück führen.

Doch nicht nur die Eltern lieben ihre Kinder und wünschen sich das Beste für sie, sondern auch die Kinder lieben ihre Eltern. Je kleiner die Kinder sind, desto stärker sind sie dazu bereit, alles zu tun, um Mama oder Papa glücklich zu machen. Deshalb versuchen sie all das zu tun, was sich ihre Eltern so sehr wünschen. Sie versuchen, die Wünsche ihrer Eltern zu erfüllen und ihre Wege des Glücks zu beschreiten. Sie bemühen sich auch dann, wenn sie das nicht wirklich interessiert, wenn sie dafür gar kein Talent haben, wenn sie selbst viel lieber etwas ganz anderes machen und lernen wollen. Dieses Übertragen der elterlichen Wünsche auf die Kinder und das Bestreben der Kinder, die Wünsche der Eltern zu erfüllen, passiert leider häufig. Meist ist dies der Anfang einer zunehmend problematischer werdenden Beziehung.

? Inwiefern wird die Beziehung problematisch?

! Das Kind fühlt sich nicht wirklich von seinen Eltern gesehen. Es befürchtet womöglich, nur dann von ihnen weiter gemocht zu werden, wenn es ihre Erwartungen erfüllt. Es gerät unter Druck, muss sich anstrengen, hat vielleicht sogar Angst, zu versagen und sie zu enttäuschen. Es verliert seine Lust am Lernen, mag sich selber nicht mehr leiden und löst sich innerlich aus der ursprünglichen Verbundenheit mit ihnen.

Wenn es so weit gekommen ist, dann kann man nur hoffen, dass die Eltern wach werden und bemerken, dass hier etwas nicht stimmt. Nicht ihr Kind ist das Problem, sondern ihre gut gemeinten Vorstellungen davon, was es später einmal werden soll. Was es ihrer Ansicht nach braucht, um später einmal glücklich zu sein. Und das ist eben nicht die Musikschule oder der Ballettunterricht oder was sie sonst noch alles für richtig halten.

Wirklich wichtig für ihr Kind ist, dass es jeden Morgen mit strahlenden Augen aufwacht. Dass es sich auf all das freut, was es an diesem Tag zu entdecken und zu gestalten gibt. Aber das kann es nur, wenn es sich so, wie es ist, gesehen, angenommen und geliebt fühlt und nicht zum Objekt elterlicher Vorstellungen gemacht wird.

? Idealerweise sollten Eltern ihre Kinder aber doch dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden? 

! Im Prinzip ist das wie beim Laufen lernen: Niemand weiß, wohin ein Kind später einmal laufen wird. Worauf es ankommt, ist deshalb nur, dass es richtig gut laufen gelernt hat. Und dazu braucht es möglichst viele Gelegenheiten, sich im Laufen zu erproben.

Niemand weiß, was ein Kind später im Leben alles wissen und können muss. Um sich aber all das, worauf es einmal ankommt, auch anzueignen, muss es seine Lust am Lernen, am eigenen Entdecken und Gestalten unbedingt behalten – möglichst sogar immer weiter verstärken. Aber das geht nur, wenn ihm möglichst viele und vielseitige Gelegenheiten zum eigenen Gestalten und Entdecken geboten werden. Solche Gelegenheiten zu schaffen, wäre die beste Form der Unterstützung, die Eltern ihren Kindern auf ihrem Weg ins Leben bieten können.

? Irgendwie ist es aber doch auch natürlich, dass Eltern Erwartungen an ihre Kinder stellen, dass sie aus ihren Kindern die besten Menschen machen wollen. 

! Es mag für viele Eltern zutreffen, dass sie ihre Kinder zum Objekt ihrer jeweiligen Erwartungen machen und etwas „Richtiges“ aus ihren Kindern machen wollen. Aber das klingt schon sehr sonderbar. Dass dieses Phänomen weit verbreitet ist, heißt noch lange nicht, dass so etwas natürlich ist. Natürlich ist, dass jedes Kind so lange schläft, bis es morgens von allein wach wird. Wir sind die einzige Spezies, die es fertig bringt, ihre Kinder aus dem Schlaf zu wecken. Das betrachten wir als normal, aber natürlich ist es nicht.

Wir sind auch die Einzigen, die von ihren Kindern etwas erwarten. Wir setzen sie  bisweilen sogar unter Druck, beispielsweise indem wir sie belohnen oder bestrafen. Das ist aber Dressur und auf den so erzeugten Erwartungsdruck reagieren die Kinder, indem sie ihre angeborene Lust am eigenen Entdecken und Gestalten verlieren.

Wenn von Außen gedrückt wird, kommt von Innen nichts mehr heraus. Am auffälligsten reagieren Kinder auf solche Drucksituationen, indem sie aufhören, frei und unbekümmert zu spielen.

? Was denken Sie über die sogenannten Helicopter-Eltern, die ihre Kinder stets überwachen, ihnen keinen Freiraum lassen und alles daran setzen, dass ihren Kindern nichts zustößt?

! Manche Eltern versuchen, ihrem Kind alle Steine aus dem Weg zu räumen, weil sie Angst haben, dass es stolpert und hinfällt. Auf den ersten Blick klappt das auch. Problematisch wird es allerdings, wenn man sich vor Augen führt, dass auf diese Weise weder das Stolpern (und dabei das Wiederfinden des eigenen Gleichgewichts) noch das Hinfallen (und das sich-dabei-nicht-Verletzen und das Wieder-Aufstehen) gelernt werden können.

Genauso ist es auch mit all den anderen Fähigkeiten, die Kinder erlernen müssen, um sich später in der Welt zurechtzufinden und ihr Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Sie werden all das nur lernen können, indem ihre Eltern ihnen Gelegenheit dazu geben. Sie müssen selbst Fehler machen und diese auch erkennen, um sie künftig zu vermeiden. Sonst begleiten ihre Eltern sie auf eine Weise, die sie lebensuntüchtig macht.

? Letztendlich müssen Eltern und Kinder ihren individuellen Weg finden. Wie gelingt es, dass sie gemeinsam herausfinden, welcher Weg für sie der Richtige ist? 

! Kinder brauchen ihre Eltern als Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Deshalb ist es gut, wenn Eltern sich als Führungskräfte verstehen. Aber nicht wie Führungskräfte aus dem letzten Jahrhundert, nicht als Machthaber und Autokraten. Vielmehr sollten Eltern Führungskräfte sein, wie sie heute immer dringender in der Wirtschaft, an Universitäten und Schulen gesucht werden: als supportive Leaders.

Diese Eltern würden alles in ihrer Macht stehende tun, damit ihr Kind sich als starke Persönlichkeit entwickeln und seine Talente und Begabungen entfalten kann. Im Gegensatz dazu stehen Eltern, die ihre Kinder brauchen, damit sie sich selbst bedeutsam fühlen. Solche Eltern unterscheiden sich nicht allzu sehr von Vorgesetzten, die Untergebene brauchen, um sich wichtig zu machen.

Deshalb sollten Eltern ihren Kindern in jeder Hinsicht ein Vorbild sein. Auch wenn es darum geht, die Verantwortung für das zu übernehmen, was ihnen am Herzen liegt. Und weil das die Entwicklung ihrer Kinder zu glücklichen Erwachsenen ist, müssen sie darauf bestehen, dass alles, was eine solche Entwicklung behindert oder untergräbt, in ihrer Familie nichts zu suchen hat.

Wir danken Ihnen für das tolle Gespräch!

Gerald HütherGerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Praktisch befasst er sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. Er schreibt Sachbücher, hält Vorträge, organisiert Kongresse, arbeitet als Berater für Politiker und Unternehmer und ist häufiger Gesprächsgast in Rundfunk und Fernsehen. So ist er Wissensvermittler und –umsetzer in einer Person. Gerald Hüther ist Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung

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