Die heutige Medizin ist in vielen Fällen machtlos

Die Corona-Krise ist in aller Munde. Uns interessiert, wie die Leute mit der momentanen Lage umgehen, was sie bewegt und wie sie sich fühlen. Aus diesem Grund haben wir Personen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Berufsgruppen gefragt, wie sie die derzeitige Situation wahrnehmen und meistern. Allen haben wir dieselben Fragen gestellt. Die Antworten stammen von einem 36-jährigen Assistenzarzt einer Universitätsklinik, der besorgt auf das blickt, was in den kommenden Wochen auf das deutschen Gesundheitssystem zukommen könnte.

? Mit welchem Gefühl wachst du momentan auf?

! Zu dieser Frage fallen mir tatsächlich zwei Gefühle ein, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das erste spürbare Gefühl ist Glück, weil ich seit vier Wochen neben meiner Freundin aufwache, die aktuell im Homeoffice in unserer gemeinsamen Lübecker Wohnung ist und nicht wie gewöhnlich unter der Woche in Berlin verweilt. Zum anderen, und das ist leider ein permanentes Gefühl der vergangenen Wochen, Unbehagen. Ausgelöst durch die Ungewissheit, was uns in den kommenden Wochen noch bevorsteht. Als Mitarbeiter einer großen Klinik erfahre ich über eine offene Informationspolitik der Klinikleitung viele Details über aktuelle Fallzahlen und die Möglichkeiten intensivmedizinischer Betreuung, welche in der vergangenen Zeit durch großes Engagement und eine bemerkenswerte Zusammenarbeit erfreulicherweise deutlich gesteigert werden konnten.

? Mit welchem Gedanken gehst du abends ins Bett?

! Im Moment versuche ich in den Abendstunden ein paar Dinge zu erleben, die nach einem langen Arbeitstag oder auch einem freien Tag die Gedanken auf etwas besonders Schönes richten. Ich höre Musik, schaue einen Film, spiele Klavier und versuche nicht zu viele Nachrichten zu lesen. Gedanken an den folgenden Tag, an den Umgang mit Patienten und Überlegungen, Klinikabläufe nach dem Prinzip der Kontaktreduzierung zu optimieren lassen sich auch vorm Schlafen nicht immer vermeiden.

? Wie wirkt sich die mediale Berichterstattung auf deine Stimmung aus?

! Es ist bedrückend, ansehen zu müssen, wie machtlos die heutige Medizin während dieser Pandemie in vielen Fällen bisher ist. Wütend macht es mich, wenn ich in solchen Momenten über verschiedenste soziale Netzwerke Nachrichten über Verschwörungstheorien lese oder eine Verharmlosung der Infektion von Regenten dieser Welt getwittert bekomme, die mittlerweile endlich, Wochen nach Bekanntwerden der Ausbreitung des Virus, den Ernst der Lage erkannt haben und nun verzweifelt versuchen, Fehler bei anderen zu suchen. Diesen Gedanken zum Trotz stimmen mich die Nachrichten über Hilfen, sei es in materieller Form, sei es in der Übernahme von intensivpflichtigen Patienten aus dem Aus- und Umland, sei es in der Unterstützung mit Know-How oder auch Personal, sehr hoffnungsvoll. 

? Inwiefern beeinflusst die derzeitige Situation deine berufliche Zukunft?

! Als Klinikmitarbeiter gehöre ich, genau wie Bäcker, Kassierer, oder Polizisten zum Bereich der so genannten systemrelevanten Arbeiter. Ich mache mir Gedanken über die Arbeitsintensität, die Belastung, die einem eventuell bevorsteht, wenn ich mir Berichterstattungen aus italienischen, spanischen oder amerikanischen Kliniken anhöre. Existenzängste muss ich mir nicht machen, aber ich befasse mich gedanklich natürlich schon mit den zahlreichen Menschen, die sich über den Verlust ihres Arbeitsplatzes, über Kurzarbeit, über ihre Zukunft Sorgen machen müssen. Das betrübt mich.

? Was geht in dir vor, wenn du Corona hörst?

! Corona-Viren sind mir zuerst während meines Studiums im Mikrobiologie-Praktikum vor etlichen Jahren begegnet. Damals war es nur ein Text, eine Beschreibung auf einer Karteikarte, zu der ich neben dem Auswendiglernen kaum einen Bezug hatte, geschweige denn ein Gefühl beschreiben könnte.  Heute verbinde ich mit dem Begriff Corona eine unterschwellige Befürchtung. Die Befürchtung vor Ansteckung vieler Menschen und eine Machtlosigkeit in Bezug auf eine Therapie. Im Besonderen sicherlich vertrauter oder verwandter Menschen, von denen ich weiß, dass sie in eine Risikogruppe fallen. Dieser Befürchtung steht zum Glück das Wissen um ein funktionierendes Gesundheitssystem mit vielen Forschungsansätzen zum Nachweis des Virus, zur Therapie und in ferner Sicht auch einer immunisierenden Impfung entgegen. 

Interviews dieser Fragezeit

Die Zeit vor und nach Corona

Das Gefühl morgens beim Aufwachen gleicht ein wenig dem Gefühl, das ich während meiner Zeit in Köln im Krankenhaus hatte. Ich lag dort, unterbrochen mit kurzen Pausen, von März bis Oktober 2012 zur Chemotherapie und autologen Stammzelltransplantation.

Ich fühle mich von den Medien betrogen

Ich kann Corona nicht mehr hören. Deswegen schaue ich sehr wenig Fernsehen oder lese kaum Zeitung. Mein Mann wird gut informiert und leitet mir das weiter. Und vor allem, muss man wirklich keine Maske tragen, wenn man in der Natur alleine spazieren geht.

Wann kann ich unsere Kinder wiedersehen?

Wann ist die Corona-Krise vorbei und wann kehrt wieder ein normales Leben mit sozialen Kontakten und geliebten Routinen ein. Und insbesondere frage ich mich natürlich: Wann kann ich unsere Kinder und unser Enkelkind wiedersehen?

Das ist jetzt unsere Gegenwart

Corona ist jetzt unsere Gegenwart. Und bleibt wohl auch noch eine Weile gegenwärtig. Emotionales Neuland. Irgendwann wird es vertraut und irgendwann Vergangenheit sein. Ich möchte die Chancen, die diese Krise gesellschaftlich auch bedeuten, positiv mitgestalten.

Leute nehmen das immer noch nicht ernst

Es ist eine ernste Situation – sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Ich mache mir Sorgen um mir nahe stehende Personen wie meine Eltern, die zur Risikogruppe gehören. Ich ärgere mich auch, dass Leute weiter rumwandern als sei nichts.

Zu Hause tanzen ist halt nicht dasselbe

Es weiß momentan einfach niemand, wohin es gehen wird. Wir schwimmen alle irgendwie gemeinsam und hoffen, in die richtige Richtung zu treiben. Wie soll man bei so viel Unsicherheit denn nicht ein bisschen genervt sein und Langeweile und Brechreiz verspüren.

Ich habe gelernt, mich zu schützen

Ich denke, Corona hat gute Chancen, seit Menschengedenken das meistgebrauchte Wort zu werden. Die Welt verändert sich, noch nie war das Leben so heruntergefahren. Mögen wir Menschen endlich verstehen, welche riesengroße Chance zum Umdenken und zur Umkehr darin liegt!