Familienbande

Alle mal wieder zusammen, fern des Alltags, für mehrere Tage an einem Ort. Das wünschten sich meine Eltern und haben mich und meine drei Geschwister samt Anhang für fünf Tage auf einen Bauernhof nach Hessen an den Edersee eingeladen. Naja, See ist wirklich übertrieben. Der Sommerhitze geschuldet, ist aus dem See eine Ederpfütze geworden. Aber weder See noch Pfütze haben uns sonderlich interessiert, schließlich ging es ja darum, dass wir als Familie zusammen sind. Ein bisschen so wie früher, aber doch ganz anders. 

Familienurlaub

Es kommt nicht so häufig vor, dass wir uns alle sehen. Bis unser Sohn geboren wurde, haben wir uns zumindest immer an Weihnachten gesehen. Auf meinen Mist ist gewachsen, dass auch das weihnachtliche Zusammenkommen meistens ausfällt. Denn in den vergangenen Jahren sind wir an Weihnachten in den Norden in das ruhige Großstadtleben Hamburgs abgetaucht. 

Wie dem auch sei, nun war es so weit. Eltern, vier Kinder, drei Partner, drei Enkelkinder und ein Hund, das war unsere Urlaubsbande. Quer aus Deutschland sind wir angereist, um ein paar Tage gemeinsam zu verbringen. Vier Ferienwohnungen haben wir bezogen. Mag jetzt manch einen verwundern: Vier Wohnungen für zwölf Personen? Aber ja, so war es geplant von meinen Eltern, die scheinbar genau wussten, weswegen sie jedem von uns ein bisschen Rückzugsmöglichkeit einräumen wollten. 

Große Kinder, kleine Kinder

Aus uns vier Kindern sind mittlerweile ziemlich große Kinder geworden. Erwachsen klingt immer noch im Familienkontext komisch. Aber das sind wir. Wir haben alle vier unser eigenes Leben. Meine große Schwester und ich unsere eigene kleine Familie. Meine kleine Schwester verarztet Kinder und unser Nesthäkchen-Bruder befindet sich in den Endzügen seines Studiums. Und obwohl wir alle schon richtig groß geworden sind, sind wir immer noch die Kinder unserer Eltern. Vielleicht nehme ich deswegen bei solchen Treffen ziemlich schnell wieder meine Kinderrolle ein. 

Das ist schon komisch. Schließlich fühle ich mich in meinem Alltag wirklich erwachsen. Werde meiner Mutterrolle, glaube ich zumindest, ziemlich gut gerecht und erledige meinen Job gewissenhaft. Aber spätestens wenn die gemeinsamen Erinnerungen an die damalige Zeit ans Licht kommen, bin ich mitten drin in meiner Kindheit und Jugend. 

Gemeinsame Erinnerungen

Auch wenn wir uns über unser jetziges Leben ausgetauscht haben, gemeinsam wandern gegangen sind, auf Spielplätzen den Kindern beim Spielen zugeschaut haben oder zusammen gegessen haben: Unsere Familien-Erinnerungen haben diese fünf Tage ziemlich stark begleitet. Unzählige Male habe ich mich zurückversetzt gefühlt. 

Was aber wirklich viel frischen Wind und Trubel in die ganze Sache gebracht hat, sind die Kleinen gewesen. Das Urlaubsziel hatten meine Eltern schon ziemlich nach den Bedürfnissen ihrer Enkel ausgewählt. Denn außer Wanderwegen und einer Kneipe gab es in dem Ort nichts. Abgesehen von einem Spielplatz und Alpakas. Obwohl unser Sohn seine beiden Cousinen viel zu selten sieht, haben die drei sich großartig verstanden. Bei unserem so oft sehr schüchternen Sohn keine Selbstverständlichkeit. 

Schatzsuche macht Wanderlust

Bis auf wenige kleine Kabbeleien haben sie wirklich schön miteinander gespielt. Manchmal war ein bisschen Eifersucht dabei, wer jetzt an Omas Hand laufen darf, aber es waren ja genug andere Hände da, die gehalten werden konnten. 

Auch gemeinsame Wanderungen – oder vielmehr hügelige Spaziergänge – haben sie gut mitgemacht, bis die übliche Müdigkeits-Knatscherei eingetreten ist. Dass sie mit so viel Begeisterung mitspaziert sind, haben wir meiner Schwester zu verdanken, die eine Schatzsuche vorbereitet hatte. Ausgestattet mit einer Sammeltasche und einem Zettel, auf dem neben gelben und roten Blättern, Bucheckern, Hagebutten, Eicheln noch vieles mehr abgebildet war, begaben sich die Kleinen auf Entdeckertour. Die Sammeltasche haben wir seitdem bei jedem Spaziergang dabei. Nie war die Wanderlust unseres Sohnes größer. 

Überflutet von Eindrücken

So schön es auch war, alle wiederzusehen und um sich zu haben, so wichtig war es, seine eigene Wohnung zu haben. So eine Großfamilie ist schon krass. Irgendeiner redet immer. Irgendwer hat immer Hunger. Irgendwas muss immer noch eingekauft oder erledigt werden. Jeder hat seine Bedürfnisse und die wollen unter einen Hut gebracht werden. Früher war das normal. Da haben wir ja auch unseren Alltag zusammen verbracht. Da wussten wir, wie die anderen so ticken. Das ist jetzt anders. Wir haben uns alle weiter entwickelt und uns unseren eigenen Rhythmus geschaffen. Ich bin da sicherlich ziemlich extrem, irgendwie habe ich mir auch bedingt durch unseren Sohn, sehr angewöhnt, meinen Tag zu strukturieren und zu planen. Das bedeutet nicht, dass Pläne nicht kurzfristig umgeschmissen werden können oder ich nicht spontan sein kann. Aber ich stelle mich einfach gerne darauf ein, was mich erwartet.

Und so war es wirklich gut, abends die Eindrücke sacken lassen zu können. Unser Sohnemann ist zu unserer großen Verwunderung alleine im großen Bett eingeschlafen, sodass der Vater und ich noch mit den anderen „Großen“ den Abend in der Wohnung meiner Eltern verbringen konnten. Aber schon dort hat er unruhig geschlafen. Noch unruhiger wurden die Nächte, nachdem wir wieder im Alltag angekommen waren. Fast drei Tage hat er gebraucht, um die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Er war so überwältigt, fasziniert und beeindruckt von den Erlebnissen, dass er häufig keine Worte für das Erlebte finden konnte. Er hat unfassbar viel Nähe und Geborgenheit gesucht. Nachts wollte er nicht alleine sein und kam nicht richtig zur Ruhe. Was genau ihn so bewegt, dass wissen wir nicht. Aber auch ich habe gemerkt, dass die Tage mich aufgewühlt haben und emotional beschäftigten. 

Die Tage waren toll. Sie haben mal wieder gezeigt, wie schön und wichtig Familie ist. Aber auch, dass Familie bedeutet, dass verschiedene Interessen und Bedürfnisse bestmöglich vereint werden wollen. Nicht immer ein einfaches Unterfangen. 

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