Hemmunglos

Die Schwangerschaft verändert so Einiges, schließlich wächst da ein neues Menschlein in deinem Bauch heran, was aus deinem Herzensmenschen und dir entstanden ist. Was in der Theorie ganz logisch ist, erstaunt in der Realität immer wieder aufs Neue. Glaubte man früher, man würde sofort schwanger, wenn man einmal ohne Verhütung miteinander schläft, weiß man nun, dass solch ein goldener Schuss die Seltenheit ist. Wir übten eine ganze Weile bis wir ganz unverhofft die frohe Botschaft erhielten, dass sich in meinem Bauch schon unser Zelli eingenistet hat. Wir wussten nun, dass wir schwanger sind und in rund neun Monaten unser hoffentlich gesundes Baby in den Armen halten würden. Doch auch, wenn unser Verstand uns genau dies vermittelte, konnten wir es kaum glauben. Ebenso unfassbar wie die Schwangerschaft und die Tatsache waren, dass wir bald Eltern werden sollten, war es für mich vor rund zwei Jahren undenkbar, dass jeder Frauenarztbesuch zum Familienausflug wird. Was in der Pubertät noch mehr als peinlich war – auf dem Gynäkologenstuhl Platz zu nehmen und diverse Gerätschaften in seinem Unterleib verschwinden zu sehen – gehörte nun fast schon zum Alltag. Nun hatte ich sogar noch meinen Mann als Zuschauer, Hemmungen fehl am Platze. Doch nicht nur die Untersuchungen bei der Ärztin, sondern auch Themen wie der PH-Wert meines Urins oder Verstopfungen standen bei uns als Paar an der Tagesordnung. Ja, eine Schwangerschaft bringt eben nicht nur appetitliche Themen mit sich. Mein persönliches Highlight war, als die Hebamme, bei der wir den Geburtsvorbereitungskurs besuchten, uns die Erotik der geburtsvorbereitenden Dammmassage vermitteln wollte. Ihre Begeisterung färbte sich nur mäßig auf die Kursteilnehmer ab – vielmehr schauten vor allem die männlichen Besucher größtenteils verlegen zu Boden.

Es singt für Sie: Die Hemmschwelle

Sicherlich war es gut, dass der Vater in der Schwangerschaft so viel mitbekommen hat, so konnte er viel besser nachvollziehen, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Trotzdem ist es immer noch verrückt, was sich in diesen rund zehn Monaten alles verändert hat. Wir jedenfalls haben mit jedem Monat und jedem Arztbesuch unsere Hemmschwelle voreinander weiter verringert.

Auch unseren Ekel vor ganz natürlichen Dingen legten wir mit jedem Tag, den unser Wurmi auf der Welt war, mehr ab. Fotos von vollen Windeln standen an der Tagesordnung. Kaum ein Tag verging, an dem man nicht irgendwo die Speihspuren des Babys an seiner Kleidung fand.  Und wer kann schon glauben, dass es höchst amüsant ist, in hohem Bogen angepinkelt zu werden? Ich hätte das nicht für möglich gehalten, aber als unser kleine Sohnemann das Freiluftpinkeln für sich entdeckte und um sich herum alles ordentlich bewässerte, war ich ganz entzückt vor Freude. Je älter unser Baby wird, desto normaler werden die menschlichen Dinge, die Erwachsene so gerne meiden. „Warum eigentlich?“, könnte man sich fragen, „schließlich sind diese Dinge doch das Natürlichste auf der Welt“ – aber das soll hier nicht das Thema sein.

Dreck oder Snack? Das ist hier die Frage!

Doch neben dem verlorenen Ekel und der niedergeschraubten Hemmschwelle, gibt es weitere Dinge, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Trotzdem glaube ich, dass die meisten Eltern wohl Situationen kennen, in denen man sich das angelutschte und wieder ausgespuckte Stück Lauge schnell selber in den Mund schiebt, weil grad kein Mülleimer zur Hand ist. Letztens habe ich mich köstlich über mich selber amüsiert, als ich mich dabei ertappt habe, dass ich mir einen Brotkrumen vom Boden in den Mund gesteckt habe. Dafür den Staubsauger zu holen oder den Krümel in den Mülleimer zu bringen, das wäre ja auch wirklich zu umständlich gewesen. Ich bin gespannt und auch ein bisschen verängstigt vor dem, was da noch alles auf uns zukommen wird.