Hurra, Hurra – die Tochterschwester ist da!

Es ist Samstag. Die Sonne scheint mir ins Gesicht als ich mich zwei Tage nach ET aus meinem Bett kugele. Auch an diesem Morgen freue ich mich, dass die Nacht endlich überstanden ist. Denn mein Bett potenziert alle Schwangerschaftsquerelen um ein Vielfaches. Der Zustand ist nach nach fast zehn Monaten aber nicht mehr der Rede wert. Meine Freude gilt vielmehr der Tatsache, dass wieder eine Nacht ohne Geburt überstanden ist. Wir unseren Großen nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Schlaf reißen und bei Freunden unterbringen mussten, um möglichst schnell ins Krankenhaus zu sausen. Und so feiere ich nach jeder weiteren überstandenen Nacht eine Morgenparty ohne Geburt unter erschwerten Bedingungen.

Geburten verlaufen nicht nach Plan

Meine Idealvorstellung der Geburt sah so aus: Ich habe einen Blasensprung, wenn der Große im Kindergarten ist, wir rufen meine Eltern an, die sich in Quarantäne befinden und sich “nur noch” drei Stunden ins Auto setzen müssen, um bei uns anzukommen. Sie würden ihn nach dem Kindergarten abholen. Zwei Stunden später würden wir mit dem neugeborenen Geschwisterkind dazustoßen. So kurz wie möglich wollte ich im Krankenhaus sein. Eben genau wie bei dem Großen. Hätte ich schon früher ahnen können, dass das nichts wird. So unterschiedlich die beiden Schwangerschaften waren, so verschieden waren auch die Geburten. Aber Träumen wird ja wohl noch erlaubt sein.

Eine Geburt unter erschwerten Bedingungen

Am besagten Samstagmorgen wurde meine Erleichterung über die überstandene Nacht schnell von einem anderen Gefühl überschattet: Der Aufregung. Denn kurz nach dem Aufstehen merkte ich, dass ich minimal Fruchtwasser verloren hatte. Wirklich minimal, aber das reicht eben, um ins Krankenhaus zu müssen und dieses nicht mehr verlassen zu dürfen. Aber erst einmal haben unsere Freunde den Großen ganz in Ruhe abgeholt. Beim Abschied flossen ein paar Tränen, denn am liebsten wäre er mit ins Krankenhaus gekommen. Aber Fußballspielen im Sonnenschein, Kartoffelecken zum Abendessen und ein Dreier-Jungs-Bettenlager haben schnell für Begeisterung und die notwendige Ablenkung gesorgt. Für unseren Sohn startete ein Jungs-Wochenende, für den Rest der Familie eine abenteuerliche Geburt unter erschwerten Bedingungen. 

Die Diagnose im Krankenhaus lautete: Fruchtwasserabgang, mäßige Wehen und stationäre Aufnahme. Dank Corona durfte der Vater das Krankenhaus nicht mehr verlassen, aber er durfte bei mir bleiben – in unserem wunderschönen Zimmer. Spaziergänge an der frischen Luft die waren tabu. Bewegen durften wir uns nur die zehn Meter auf dem Stationsflur. Frische Luft durften wir durchs geöffnete Fenster schnappen. Aber was wollten wir denn denn, wir waren schließlich im Krankenhaus zum Entbinden und nicht zum Spazierengehen. Wäre aber eben gut für mein Wohlbefinden und ich bin der Überzeugung für meine Wehentätigkeit gewesen.

Ungeduld und Geburt passen nicht zusammen

Denn es gab zwar Wehen, die waren auch gemein, aber weit entfernt von Geburtswehen. Deswegen habe ich ungeduldig nach 24 Stunden auf die Einleitung bestanden. Ich wollte zu unserem Großen, den meine Eltern mittlerweile nach einer Nacht bei den Freunden abgeholt hatten, und ich wollte unsere kleine Tochter endlich in den Armen halten. Vor allem aber wollte ich die Geburt endlich hinter mich bringen. Dass es dann so schnell ginge, damit habe ich nicht gerechnet. Oder ich habe in meinem Leichtsinn gedacht, dass eine schnelle Geburt doch super ist, denn dann ist es eben auch schnell vorbei. Stimmt schon, aber bei mir hat schnell auch besonders heftig bedeutet. Ich muss ehrlich sagen, die Fünf-Stunden-Geburt unseres Sohnes war ein Spaziergang im Gegensatz zu diesem Zwei-Stunden-Sprint. Rückblickend sage ich: Was soll’s, sowohl die Kleine als auch ich haben die Geburt gut überstanden. Wir waren beide körperlich wohlauf und ich habe mich von der Anstrengung schnell erholt. 

Geburtserlebnis bewusst verdrängt

Nach der Geburt stand für mich fest: Das brauche ich nicht noch einmal. Nach einer wirklich anstrengenden Schwangerschaft noch so eine heftige Geburt, mir hat es gereicht. Drei Tage nach der Geburt, war das Geburtserlebnis schon gut gesackt. Da war ich an dem Punkt, dass ich sowas schon noch einmal machen könnte. Eine Woche später sind meine Hormone mit mir durchgegangen und ich habe nur noch von einem dritten Kind gesprochen. Schwangerschaft und Geburt schienen im Anblick unseres kleinen Babys vergessen. Und jetzt, rund einen Monat nach der Geburt, da habe ich keine Meinung. Ich bin einfach nur glücklich. Glücklich über unsere Kleine. Darüber, dass sie kerngesund ist, sich prächtig entwickelt und uns keine Sorgen bereitet. Wenn dann unser Großer seine lang ersehnte kleine Schwester mit Küssen übersät, sie stolz durch die Wohnung trägt und jedem erzählt, dass er nun großer Bruder ist und sich wirklich richtig gut mit Babys auskennt, da bin ich einfach nur dankbar. Dankbar für meine kleine Familie, die mich jeden Tag mit Freude und Glück erfüllt – zumindest, wenn nicht gerade akutes Verdauungsgeschrei angesagt ist oder Diskussionen darüber geführt werden, ob bei Minusgeraden wirklich eine lange Hose notwendig sei. 

Unser Baby mag die Corona-Ruhe

Was nun noch fehlt? Dass wir unser Glück zeigen und teilen dürfen. Mit den Großeltern, mit unseren Geschwistern, mit Freunden und Verwandten. Corona macht uns da nen fetten Strich durch die Rechnung. Finden wir richtig ätzend und traurig. Aber, das stellen wir jeden Tag aufs Neue fest: Unsere Kleine feiert die Zwangsruhe. Sie fühlt sich pudelwohl mit uns dreien. Während unser Sohn, der in seinen ersten Lebenstagen schon sehr viele uns nahestehende Menschen kennen gelernt hat, von Reizen überflutet war, kommt unsere Tochter im Lockdown ziemlich gut klar in dieser Welt. Zumindest für Neugeborene scheint diese Ruhe noch etwas Positives zu haben – danke Corona dafür.