Ich habe gelernt, mich zu schützen

Die Corona-Krise ist in aller Munde. Uns interessiert, wie die Leute mit der momentanen Lage umgehen, was sie bewegt und wie sie sich fühlen. Aus diesem Grund haben wir Personen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Berufsgruppen gefragt, wie sie die derzeitige Situation wahrnehmen und meistern. Allen haben wir dieselben Fragen gestellt. Die Antworten gab uns eine 60-Jährige Freiberuflerin. Sie ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und dreifache Oma.

? Mit welchem Gefühl wachst du momentan auf?

! Momentan wache ich mit einem lähmenden Gefühl des Nichtbegreifens auf. Ich brauche Kraft, mich morgens aus dem Bett zu hieven. Doch – Gott sei Dank – habe ich in den letzten Tagen und Wochen schon gelernt, mich entgegen aller Schwerkraft innerlich aufzurichten, vorwärts zu denken und den Tag gut zu beginnen.

? Mit welchem Gedanken gehst du abends ins Bett?

! Am Tagesende versuche ich ganz gezielt, mir gute Gedanken zu machen.
Meine innere Dankbarkeit für all das, was ich habe und erfahre, stelle ich über Ängste, Sorgen und Grübeleien. Ich richte meine Gedanken nicht in die ungewisse Zukunft, sondern auf den nächsten Tag, an dem ich in Stille und Alleinsein viel Nützliches und Schönes tun werde um psychisch stark und gesund zu bleiben.

? Wie wirkt sich die mediale Berichterstattung auf deine Stimmung aus?

! In meinem 60-jährigen Leben habe ich gelernt, mich vor dem zu schützen, was mir nicht gut tut. Ich möchte mich aber informieren, lese Zeitung, schaue Nachrichten und Talkshows zum aktuellen Thema. Das ist alles sehr belastend, aber es gelingt mir, nicht in Panik zu geraten, sondern mit meinem Herzen ganz nah an all den Menschen zu sein, die mit Trauer, Hilflosigkeit, Überarbeitung und Einsamkeit zu kämpfen haben.

? Inwiefern beeinflusst die derzeitige Situation deine berufliche Zukunft?

! Beruflich bin ich von der derzeitigen Situation zum Glück nicht sehr betroffen. Ich bin freiberuflich tätig, habe für schlechte Zeiten finanzielle Rücklagen und kann damit ein paar Monate überbrücken. Die berufliche Auszeit kommt mir sehr gelegen, um Kraft zu tanken und einmal ohne Druck und Zeitdruck zu leben.

? Was geht in dir vor, wenn du Corona hörst?

! Ich denke, Corona hat gute Chancen, seit Menschengedenken das meistgebrauchte Wort zu werden. Die Welt verändert sich, noch nie war das Leben so heruntergefahren. Mögen wir Menschen endlich verstehen, welche riesengroße Chance zum Umdenken und zur Umkehr darin liegt!

Interviews dieser Fragezeit

Die Zeit vor und nach Corona

Das Gefühl morgens beim Aufwachen gleicht ein wenig dem Gefühl, das ich während meiner Zeit in Köln im Krankenhaus hatte. Ich lag dort, unterbrochen mit kurzen Pausen, von März bis Oktober 2012 zur Chemotherapie und autologen Stammzelltransplantation.

Die heutige Medizin ist in vielen Fällen machtlos

Corona-Viren sind mir zuerst während meines Studiums begegnet. Damals war es nur eine Beschreibung auf einer Karteikarte, zu der ich kaum einen Bezug hatte, geschweige denn ein Gefühl. Heute verbinde ich mit dem Begriff Corona eine unterschwellige Befürchtung.

Ich fühle mich von den Medien betrogen

Ich kann Corona nicht mehr hören. Deswegen schaue ich sehr wenig Fernsehen oder lese kaum Zeitung. Mein Mann wird gut informiert und leitet mir das weiter. Und vor allem, muss man wirklich keine Maske tragen, wenn man in der Natur alleine spazieren geht.

Wann kann ich unsere Kinder wiedersehen?

Wann ist die Corona-Krise vorbei und wann kehrt wieder ein normales Leben mit sozialen Kontakten und geliebten Routinen ein. Und insbesondere frage ich mich natürlich: Wann kann ich unsere Kinder und unser Enkelkind wiedersehen?

Das ist jetzt unsere Gegenwart

Corona ist jetzt unsere Gegenwart. Und bleibt wohl auch noch eine Weile gegenwärtig. Emotionales Neuland. Irgendwann wird es vertraut und irgendwann Vergangenheit sein. Ich möchte die Chancen, die diese Krise gesellschaftlich auch bedeuten, positiv mitgestalten.

Leute nehmen das immer noch nicht ernst

Es ist eine ernste Situation – sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Ich mache mir Sorgen um mir nahe stehende Personen wie meine Eltern, die zur Risikogruppe gehören. Ich ärgere mich auch, dass Leute weiter rumwandern als sei nichts.

Zu Hause tanzen ist halt nicht dasselbe

Es weiß momentan einfach niemand, wohin es gehen wird. Wir schwimmen alle irgendwie gemeinsam und hoffen, in die richtige Richtung zu treiben. Wie soll man bei so viel Unsicherheit denn nicht ein bisschen genervt sein und Langeweile und Brechreiz verspüren.