Impfexpedition

Abendprogramm – das ist für mich wirklich zu einer Seltenheit geworden. Während ich früher gerne meine Feierabende auswärts mit Freunden verbrachte, freue ich mich mittlerweile auf die Couch, die spätestens ab acht Uhr abends von mir bezogen und nur noch verlassen wird, um ins Bett zu wechseln. 

Aber manchmal gibt es diese Ausnahmen, bei denen die Couch auf mich – oder besser gesagt ich auf die Couch – verzichten muss. Eine dieser Ausnahmen war unsere Verlagsfeier zum Jahresauftakt. Am späten Nachmittag ging die Feierei los. Das bedeutete, dass der Vater mit unserem Kleinen den lange geplanten Impftermin an diesem Tag wahrnehmen musste. Der Vater war sehr aufgeregt, schließlich war es sein erster Impftermin alleine mit unserem Sohn. Ich war mir aber sicher, das wird klappen. 

Zuerst die Pflicht, dann das Vergnügen

Vater und Sohn warteten auf die gefürchtete Spritze beim Arzt. Derweil ließ ich mir auf einer Lachexpedition bei einem Kölsch Anekdoten über die Rheinmetropole erzählen. Zum Glück verschonte der „Stadtführer“ mich und scherzte nicht auf meine Kosten, sodass ich mich köstlich über die Witzeleien über meine Kollegen amüsieren konnte. Doch die Bustour war nur die Einstimmung: Das Abendprogramm sollte in der Früh-Lounge mit Blick auf den Kölner Dom fortgesetzt werden. 

Der Abend nahm also seinen Lauf. Ich saß da mit meinen Kollegen und genoß es in vollen Zügen, ganz in Ruhe zu essen. Üblicherweise gilt bei solchen Auswärts-Essen meine Aufmerksamkeit meistens unserem Sohn. Der aber schlummerte schon in seinem Bettchen – dachte ich zumindest. Doch meine Illusion wurde durch die Nachricht des Vaters zerschlagen: Unser Sohn konnte und wollte nicht schlafen. Sein Bein, in das er die Spritze bekommen hatte, schmerzte ihn. So sehr, dass er kaum gehen konnte. Kühlen war eigentlich das einzige, was ging. 

Gunst der Stunde

Der Vater nutzte – zu meiner großen Freude – die Gunst der Stunde und putzte unsere Wohnung unter genauer Beobachtung unseres mit Kühlpad ausgestatteten Sohnes. Je später der Abend wurde, desto nervöser wurde ich, denn der Kleine wollte immer noch nicht schlafen. Er kam einfach nicht zur Ruhe und wurde zunehmend unzufriedener. Meine Entspannung war nicht mehr vorhanden und meine Gedanken bei meinen Männern. Mein Abendprogramm endete deswegen etwas früher als bei den Kollegen und die Tanzeinheit fiel für mich dieses Mal aus. War ich aber selber Schuld, schließlich hätten wir den Impftermin auch noch verschieben können, da war ich einfach zu zuversichtlich gewesen. 

Denn die Impfung setzte dem Kleinen echt zu. Nachdem ich gegen 11 Uhr zu Hause angekommen war, lagen wir zu dritt in seinem Zimmer und unser Sohn erzählte uns in Endlosschleife aufgeregt von der Spritze, die ihm sehr weh getan hat. Aber zum Glück hat der Papa mit ihm anschließend Kräcker gegessen, die waren seine Rettung. Gegen Mitternacht schlief unser Sohn dann endlich ein.

Gemeine Imfpung

Am nächsten Morgen erwachte der Kleine ziemlich gut gelaunt und hopste durch sein Zimmer, bis ihm einfiel, dass er ja gestern geimpft wurde. Ab diesem Zeitpunkt litt er unter dermaßen starken Schmerzen, dass er nicht mehr laufen konnte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich sein Bein und bat darum, dass wir ihn bitte tragen mögen, er könne wirklich nicht selber gehen. In die Kita wollte er aber trotz der Schmerzen, da bestand er drauf. 

In der Kita angekommen, war sein Schmerz vergessen, das Bein schien geheilt und die gestrige Impfung vergessen. Die Erzieherinnen wussten Bescheid und so starteten wir in unseren Arbeitstag. Als ich unseren Sohn dann wie gewohnt am Nachmittag abholte, fragte ich die Erzieherinnen, wie er denn so drauf gewesen sei. Die Antwort auf meine Frage war ein Lachkrampf, gefolgt von einer Entschuldigung. Denn schließlich wollten sie den Kleinen nicht auslachen. Aber unser Sohn hatte an diesem Tag einfach für Erheiterung gesorgt.

Improvisierte Gehhilfe

In der einen Minute lief er mit lautem Gebrüll mit den anderen Kindern um die Wette, um sich im nächsten Moment wieder an die Impfung und sein schmerzendes Bein zu erinnern, dass ihm jede Bewegung verwehrte. Ab diesem Zeitpunkt konnte er sich wie am Morgen nicht mehr eigenständig fortbewegen. Er brauchte Hilfsmittel. Also schaute er sich in der Kita um und fand die perfekte Gehhilfe. Auf ein Wimmelbuch gestützt humpelte er durch die Kita. Mit seiner improvisierten Krücke konnte er sich, wenn auch beschwerlich, fortbewegen. 

Als unser Sohn mich sah, kam er auf mich zugerannt und sprang auf meinen Arm. Als ich ihn dann fragte, wie der Tag in der Kita gewesen sei, verzog er das Gesicht und sagte nur, „Kühlen“. Ja, die Impfung war immer noch nicht vergessen. Und auch ich kam in den Genuss, unseren Kleinen wie einen alten Mann durch unsere Wohnung humpeln zu sehen. Ihn in den Arm zu nehmen und zu trösten, damit er anschließend wieder wild tobend umherrennen konnte. 

Ob er tatsächlich Schmerzen hatte oder nicht, das wissen wir nicht. Aber wir haben seinen Schmerz ernst genommen, sein Bein gekühlt, ihn getröstet und Gehhilfen mit ihm gesucht. Die Impfung hat ihn auf jeden Fall sehr beschäftigt, vielleicht auch, weil es die erste Impfung war, die er bewusst als solche mitbekommen hat. Auch heute, rund eine Woche später, erzählt er noch von der Impfung. Aber nicht mehr mit schmerzverzerrtem Gesicht, sondern ziemlich stolz. Denn er wurde geimpft, was sehr schmerzhaft war, aber er war sehr tapfer. Und das beste in seiner Erinnerung sind die Kräcker, die er mit dem Papa im Anschluss an die Impfung im Wartezimmer beim Arzt gegessen hat. Immer abwechselnd jeder einen Kräcker: Einen für den Papa, einen für den Sohn. 

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