Man müsste…

Wer kennt das nicht? Diese innere Stimme, die sagt, man müsste dieses oder jenes tun oder lassen. Weil es von einem erwartet wird. Weil alle das so machen. Weil es eben dazu gehört. Meine innere Stimme ist mir schon immer gehörig auf den Zeiger gegangen, weil sie – warum auch immer – ziemlich laut brüllen kann. Je schwangerer ich wurde und je näher die Geburt unseres Sohnes heranrückte, desto mehr verfluchte ich diese man-müsste-Stimme. Woher kam das Gefühl, dass ich selber etwas von mir erwartete, auf das ich oftmals gar keine Lust hatte? Warum meldete sich mein Gewissen, wenn ich etwas nicht tun wollte, das andere Menschen von mir verlangten? Wahrscheinlich weil einfach jemand da war, der meinte, man – in diesem Fall ich – müsste.

Schwangere dürfen nichts und müssen ganz viel

Wer bestimmt aber, was man müsste? Ich meine hier keine gesetzlichen Vorgaben oder Werte, die in unserem Grundgesetz stehen. Ich meine die Verpflichtungen, die vermeintliche Freunde einem aufdrängen. Die Ratschläge der Nachbarin. Die Vorgaben vom Chef. Die Blicke der Passanten, die sagen, wie kann die nur, eigentlich müsste sie doch. In der Schwangerschaft war ich hochsensibel. Ich wollte alles richtig machen, ich wollte unserem Baby die beste Bauchwohnung bieten, ich wollte alles perfekt machen – wahrscheinlich wie jede Schwangere. Und sicherlich kennt jede Schwangere diese Blicke, diese Ratschläge, dieses Kopfschütteln. „Wie kann die nur noch Sport machen?“ „Wie kann die jetzt noch in Urlaub fahren?“ „Wie kann die jetzt noch eine Cola trinken?“ Aber so sensibel ich auch war, in mir sträubte sich immer mehr gegen diese man-müsste-Äußerungen. Unser Ungeborenes signalisierte mir, was ich wirklich musste.

Doch mit der Schwangerschaft war die man-müsste-Spitze noch lange nicht erreicht. Kaum war unser Baby geboren, sagten mir die Hebammen im Krankenhaus, wie man stillen müsste. Nämlich alle drei Stunden auf Biegen und Brechen, nicht öfter und nicht seltener. Zum Glück habe ich ambulant entbunden und konnte schnell mein Baby so stillen, wie mein Mann und ich es in Absprache mit unserer Hebamme für richtig hielten – nämlich nach Bedarf. Bedeutete aber auch, dass ich unseren Sohn überall und jederzeit gestillt habe. Man müsste sich eigentlich immer einen ruhigen Ort zum Stillen suchen. Man müsste seine Brust vor fremden Blicken verbergen. Man müsste das Natürlichste auf der Welt am besten hinter verschlossenen Türen erledigen. Zum Glück ist unser Sohn in einem sehr kinderreichen Stadtteil Hamburgs geboren und ich war in guter Still-Gesellschaft in Eimsbüttel. Und immer wenn mir diese Blicke begegneten, die sagten, man müsste, dann dachte ich mir „ich müsste gar nichts, außer hier und jetzt mein Baby stillen“.

Eltern müssen auf manche Ratschläge pfeifen

Mit jedem Tag, den unser Sohn auf dieser Welt verbringt, begegne ich neuen Dingen, die ich eigentlich tun müsste. Auch in mir drin sind noch viele dieser man-müsste-Gedanken verankert. Ich habe das Gefühl, dass ich arbeiten gehen müsste. Ich denke, ich müsste den Haushalt besser schmeißen. Müsste noch meine Tante besuchen. Müsste Kontakte pflegen. Müsste unseren Papierkram sortieren. Dabei habe ich oftmals einfach nur das Bedürfnis zu liegen. Warum sagt mir meine Stimme nicht mal ganz klar und deutlich, dass ich einfach mal liegen müsste? Viele Leute signalisieren mir, dass ich nicht arbeiten gehen sollte, sondern bei meinem Sohn bleiben müsste. Nachbarn meinen, wir müssten unseren Sohn stärker ritualisieren. Diese Aufzählung dessen, was man müsste oder nicht, ist endlos. Aber so ewig man sie auch fortführen könnte, sie führt zu nichts. Denn seit unser kleiner Sohnemann das Licht der Welt erblickt hat, weiß ich, dass ich auf diese man-müsste-Ratschläge-Blicke-Meinungen pfeifen kann. Wer mir einen Ratschlag geben möchte, der kann das gerne tun. Ich bin eine junge Frau und Mutter, die bestimmt noch viel lernen muss und will. Deswegen meine Bitte: Fragt doch einfach, ob ich euren Rat haben möchte, aber verpackt euren Rat nicht in man-müsste-Worten.

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