Gegen die Wand

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Von einer Sekunde auf die andere mutiert unser bestgelaunter Sohn zu einem kleinen Monster. Wir sitzen beim Essen, genüsslich schmatzt der kleine Mann vor sich hin und auf einmal, da schreit er los. Wirft sich in seinem Stuhl hin und her, brüllt, schlägt und strampelt. Ebenso schnell wie diese Stimmungsschwankung gekommen ist, schwindet sie meist auch wieder. Solche kleinen Ausraster haben wir uns mit den immer noch durchbrechenden Backenzähnen erklärt, mit einem Entwicklungsschub, mit irgendetwas, was er uns nicht mitteilen kann.

Unbändige Wut

Doch seit ein paar Tagen, da stehen immer wieder richtige Wutausbrüche an der Tagesordnung. Sie kommen urplötzlich und sind unberechenbar. Unser Sohn wälzt sich brüllend über den Boden, beruhigen lässt er sich kaum – das einzige, was ihm zu helfen scheint, ist seinen Kopf feste auf den Boden oder gegen die Wand zu schlagen. Es ist unerträglich, wenn unser Kleiner so ausrastet. Warum macht er das nur? Warum tut er sich selbst so weh? Wie können wir ihm helfen? Unser Arzt sagte uns, das sei normal. Einige Kinder würden sich so verhalten, um ihrer Wut Luft zu machen, um einen plötzlich aufkeimenden Schmerz durch den Kopf-Stoß-Schmerz zu überdecken, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, um sie zu kanalisieren. Klingt alles plausibel – macht die Situation aber keineswegs besser oder erträglicher.

Den Rat des Arztes, wir sollten unseren Sohn seine Wut ausleben lassen, das ist dem Vater und mir in diesen Situationen nicht oder nur selten möglich. Wir wollen unseren Sohn retten. Doch retten wovor, fragen wir uns. Davor, dass er sich vielleicht selbst helfen will? Diese Ausbrüche kommen und gehen. Es gibt Tage, an denen er nicht ausrastet. Dann gibt es Stunden, in denen er überhaupt nicht aufhören will. Unser Sohn hat sich wieder weiter entwickelt. Er hat wieder etwas dazu gelernt. Er versteht wieder etwas mehr. Und das stellt uns Eltern wieder einmal vor ungekannte Herausforderungen. 

Schreckliche Autofahrt

Eigentlich ist unser Sohn ein sehr ausgeglichenes Kind. Viele Menschen wollen uns nicht glauben, wenn wir ihnen erzählen, dass er so wütend, so aufbrausend, so kopflos werden kann. Sie kennen ihn als den ausgeglichenen Jungen, der sehr gut und in aller Ruhe mit einer Kinderküche spielt, der endlos seine Playmobiltiere aufstellt, der stundenlang schmusend bei seiner Mutter auf dem Schoß sitzt. Doch es gibt diese Phasen, in denen gar nichts mehr geht. Ein Garant für Ausraster sind momentan Autofahrten. Nicht die zum Supermarkt oder die zum Arzt – es sind die Autofahrten, die etwas länger dauern. Was genau ihm fehlt – wir haben keine Ahnung. Und egal, was wir gegen seinen Unmut unternehmen, nichts fruchtet. Essen, spielen, Buch lesen, singen – es hilft einfach nichts. Das ist sehr belastend. Vor allem für denjenigen von uns, der fährt. Wir versuchen, uns nicht einzuschränken. Wir hoffen, dass sich dieses Verhalten genau so schnell wieder fängt, wie es gekommen ist. Vor allem aber wollen wir unserem Sohn in diesen Situationen helfen.

Doch manchmal, da können wir nicht mehr. Gestern saßen wir gemütlich in einem Café, strahlten unseren kleinen gutgelaunten Supermann voller Stolz an und warteten auf einen Milchkaffee im Riesenformat und ein Stück Walnusskuchen. Der Moment schien perfekt – er war es auch. Bis zu dem Zeitpunkt als unsere Bestellung unseren Tisch erreichte. Denn das war der Auslöser, auf den unser Sohn nur gewartet hatte. Sein Schreien ließ nur nach, wenn wir mit ihm das Café verließen. Weil es einfach blöd ist, alleine seinen Milchkaffee zu schlürfen während sein Partner das gemeinsame Kind zu beruhigen versucht, entschlossen wir uns kurzerhand, einen winterlichen Kaffeekranz abzuhalten, wahlweise mit schreiendem Kind auf der Terrasse herumhüpfend.

Solche Situationen kennen wohl alle Eltern, aber irgendwann ist das Maß voll, irgendwann ist man mit seinem Latein am Ende. Da hilft eine ordentliche Sporteinheit, manchmal auch ein bisschen Selbstmitleid, oft auch ein paar Tränen und immer hilft eine kleine Auszeit voneinander. Schon eine Stunde ohne Kind kann Wunder bewirken und Kraft geben für all das, was noch so kommen mag. 

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