Unerzogen

Elternschule – der Film ist momentan in aller Munde. Meist kommt der Film dabei nicht gut weg. Ich kann die Einwände verstehen. Szenen des Films, die ich mir im Trailer angesehen habe oder die ich in Stellungnahmen gelesen habe, erschrecken mich. Lösen in mir großen Widerstand aus. Trotzdem möchte ich hier keine Stellung zum Film beziehen oder mich grundsätzlich für einen bestimmten Erziehungsstil oder pädagogische Grundprinzipien aussprechen. Das, was ich zu beidem sagen könnte, wäre nicht fundiert genug, um es in die Öffentlichkeit raus zu posaunen. 

Meinung (un)erwünscht

Gerne hätte ich mir den Film angesehen. Einfach, um mir mein eigenes Bild zu machen und über den Film urteilen zu können. Aber ich habe nur den Trailer gesehen. Was im Trailer gezeigt wird, ist dabei schon immer die Interpretation desjenigen, der den Trailer erstellt hat. Ich habe auch zahlreiche Stellungnahmen gelesen, besonders von Personen, deren Meinung ich schätze. Aber trotzdem möchte ich mich nicht einfach ihrer Meinung anschließen. Vielleicht würde der Film anders auf mich wirken. Weil ich das nicht weiß und ich an keinem der wenigen Kinotermine Zeit gehabt habe, kann und möchte ich nicht über den Film urteilen.

Erziehung ohne Wissenschaft

Ebenso wenig möchte ich mich für ein bestimmtes Erziehungskonzept aussprechen. Was nicht daran liegt, dass ich oder wir uns keine Gedanken über die Erziehung unseres Sohnes machen. Vielmehr ist unsere Einstellung in vielen Punkten intuitiv, ein Mischmasch aus vielen Ansätzen. Irgendwie unser eigener Ansatz. Wie man unserem Blog entnehmen kann, können wir der bedürfnisorientierten Erziehung viel abgewinnen. Die Einstellung entspricht in vielerlei Hinsicht unser Vorstellung von Familie. Gefördert wird ein respektvoller, wertschätzender Umgang miteinander, bei dem jeder sich frei nach seinen Bedürfnissen entfalten kann. Aber wir merken in unserem Alltag, dass wir manchmal an unsere Grenzen stoßen, die Realität uns unsere Bedürfnisse hinten anstellen lässt. Immer deutlicher wird: Gerade in diesen Situationen kommt Wut, Streit und Stress zum Vorschein. Wir würden uns gerne Alternativen wünschen. Wir arbeiten daran, bessere Wege für uns zu finden. Dabei halten wir Augen und Ohren offen und versuchen, für uns den richtigen Weg zu finden. 

Zuerst Wissen, dann Stellungnahme

Ein weiterer Grund, weswegen ich hier kein Erziehungskonzept anpreisen möchte, ist der, dass ich einfach nicht genug über die einzelnen Konzepte weiß. Klar, mit meiner Familie und meinen Freunden rede ich über meine Einstellung und beziehe Stellung. Das ist auch in Ordnung. Hier kann ich mich vom Gegenteil überzeugen lassen, meine Meinung ändern, ohne dass es Nachteile mit sich bringt. Aber ich möchte hier keine Empfehlungen aussprechen. Denn ich bin einfach nicht gut genug informiert. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich keine Erziehungsratgeber wälze, manch einer würde sagen, solltest du aber lieber. Ich kann nicht sagen, ob Theorie A oder B nach meinem Empfinden besser oder schlechter ist, weil ich über keine einzige Theorie in ihrer Gänze Bescheid weiß. Nur, wenn ich mehrere Ansätze wirklich kennen würde, mich intensiv in das Thema eingelesen hätte, dann würde ich meine Meinung dazu preisgeben. Habe ich aber nicht, darum lasse ich es. 

Intensive Beschäftigung mit der Sache selbst

Die Elternschule aber haben viele Personen, die einen Blog schreiben oder auf Instagram aktiv sind, genutzt, um ihre Meinung kund zu tun. Einige haben den Film gesehen, haben sich intensiv mit dem Thema befasst. Andere haben nur Trailer und Stellungnahmen gelesen, haben Kommentare angesehen und haben basierend darauf ihre Vermutungen zum Film geäußert. Zweiteres halte ich bei so einem heiklen Thema für nicht angemessen. Ich denke einfach, dass ein Film, der als „gefährlich“ eingestuft wird, aufgrund der Gefahr, dass viele Eltern die dargestellten Verhaltensweisen nachahmen, nicht von Personen beurteilt werden sollte, die sich wirklich intensiv mit dem Film beschäftigt haben. Damit meine ich nicht die intensive Beschäftigung mit den Stellungen zum Film, sondern mit dem Film und den Inhalten selber. 

Normal oder Grund zur Sorge

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Eltern dazu neigen, ihr Kind mit denen im Film zu vergleichen und die dargestellten Handlungsempfehlungen ausprobieren. Zu diesem Punkt möchte ich gerne kurz Stellung beziehen. Denn wie man auf unserem Blog nachverfolgen kann, haben wir sehr heftige Wutanfälle mit unserem Sohn durchlebt. Anfangs hat er seine Stirn so feste auf den Boden oder gegen harte Gegenstände geschlagen, dass seine Stirn grün und blau wurde. Wir waren unendlich verzweifelt. Zum einen, weil wir einfach nicht wussten, wie wir uns in dieser Situation verhalten und ihm aus dieser heraus helfen sollten. Zum anderen, weil es uns große Sorgen bereitete, dass er sich selber verletzte. Ganz bewusst und mit viel Kraft, immer wieder. Wir haben mit vielen Personen gesprochen. Unsere Angst war groß, dass mit unserem Sohn etwas nicht stimmt. Und jetzt kommt der Punkt, der mir ganz wichtig ist. Fast alle, bis auf ganz wenige Ausnahmen, haben uns gesagt: Mit eurem Sohn ist alles in Ordnung. Sein Verhalten und seine Wut sind ganz normal. Kinder sind wütend und sollen auch wütend sein. Lasst ihn seine Wut ausleben. Begleitet ihn dabei. Versucht nicht, das Kopfschlagen zu unterbinden. Helft ihm, den Schmerz zu verringern, zum Beispiel durch ein Kissen. Gebt ihm klare Strukturen, seid konsequent. Aber in erster Linie: Seid liebevoll. Seid nicht nachtragend, gebt ihm Liebe, Zuversicht, Nähe und Geborgenheit. Auch wenn er gerade wütend war oder ist. 

In erster Linie: Seid liebevoll

Diese Äußerungen von Freunden, Erziehern, Ärzten und Familie haben uns die Zuversicht und die Kraft gegeben,  an uns als Eltern zu arbeiten und die Wutanfälle zu akzeptieren. Uns was sollen wir sagen: Unser Sohn ist immer noch wütend. Wahrscheinlich heftiger und öfter als viele andere Kinder. So ist er eben. Aber er verletzt weder sich dabei noch uns. Er brüllt laut, er stampft heftig, er zittert. Und danach, da sucht er Nähe. Schluchzt und will gehalten werden. 

Bevor ihr also zu radikalen Methoden greift, schaut euch zunächst eure eigene Familie an. Dabei betrachtet vor allem euch Eltern. Denn wir haben mit unserem eigenen Verhalten immensen Einfluss auf unsere Kinder. Sind wir gestresst, genervt und wütend, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer, dass auch die Kinder es sind. Wir versuchen, unserem Alltag möglichst wenig Platz für Stress und Ärger einzuräumen. Das klappt nicht immer. Aber immer öfter. Und wie herrlich entspannend sind Tage ohne inneren Groll, ohne Schimpferei, ohne Geschrei. Dafür aber mit ganz viel Freude, Lachen und Zusammensein. 

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