Un-ver-ausgepackt

? Familien stehen vor besonderen Herausforderungen, was die Nachhaltigkeit angeht. Denken wir nur mal an Windeln. Klar gibt es Stoffwindeln, aber diese Mehrwegwindeln sind doch einfach nicht Jedermanns Sache. 

! Die meisten wissen leider gar nicht, ob Stoffwindeln etwas für sie sind oder nicht. Das könnten sie erst wissen, wenn sie es ausprobieren. Aber das machen die meisten nicht. Leider ist das Thema von der Einwegwindelindustrie so weit verdrängt worden, dass man kaum noch mit Mehrwegwindeln in Kontakt kommt und sehen kann, wie wenig kompliziert es mittlerweile ist. Noch weniger präsent ist das Thema windelfrei. Für mich sind Stoffwindeln und Abhalten die ideale Kombination und zwar von Anfang an. Unser Sohn ist gerade 1,5 Jahre alt und führt uns jetzt schon zum Klo, wenn er muss. Andere Mütter in unserer Umgebung wünschten sich, sie hätten es auch so gemacht.

Sehr viele Dinge, von denen die Industrie uns vermittelt, dass wir sie als Eltern kaufen sollten, sind tatsächlich gänzlich unnötig. Während der Gang in den Drogeriemarkt für die meisten Eltern heute unumgänglich ist und sie dort Unsummen lassen, war ich kein einziges Mal da seit ich ein Kind habe. Es gibt dort einfach nichts, was ich brauche oder haben möchte. Auf all die unnötigen Produkte und Wegwerfmaterialien zu verzichten, spart zudem unglaublich viel Geld. Wer als Eltern nachhaltig leben will, der findet Wege.

? Was hältst du von Obst in Tütchen, den „Quetschies“? 

! Ich glaube, wem bewusst ist, wie negativ sich dieses Produkt auf die Welt der Kinder auswirkt, die es konsumieren, der kauft es nicht. Tatsächlich sind die Themen Verpackung und Müllvermeidung aber noch so jung, dass die wenigsten sich damit auseinandergesetzt haben und ihnen nicht bewusst ist, was sie mit dem Obst in Tüten anrichten.

Die Quetchies verweisen aber noch auf ein anderes Problem: Kinder kommen heute überall mit so vielen „ungesunden“ Sachen in Kontakt, dass sie oft nichts Gesundes, wie zum Beispiel frisches Obst, mehr essen möchten. Da nutzen die Eltern dann vielleicht jede Möglichkeit, irgendwie Obst in den Magen ihrer Kinder zu bekommen. Und denken sich, besser ein Quetschie als gar kein Obst.

? Uns fällt auf, dass besonders Kinderartikel doppelt und dreifach eingeschweißt und verpackt sind. Warum hat die Industrie ein Plastik-Kinderland erschaffen?

! Plastik ist sehr billig. Man kann unglaublich günstig produzieren und sehr viel kaufen. Nur so bleibt die Mühle des Wirtschaftswachstums am Laufen. Wenn wir das nicht wollen, können wir uns hochwertiges Spielzeug zum Beispiel aus Holz kaufen. Das Spielzeug hält sehr lange, sodass man davon dann entsprechend weniger braucht.

? Auch beim Einkauf von Lebensmitteln fallen uns immer mehr die Unmengen Plastik auf, die um die Produkte gewickelt sind. Bei uns in der Nähe gibt es aber leider keinen Unverpackt-Laden. Wie kann man trotzdem beim Einkaufen so gut es geht Müll vermeiden?

! Man kann auch ohne Unverpackt-Laden erstaunlich viel Müll einsparen. Loses Obst und Gemüse gibt es im Bioladen oder auf dem Markt. Kaffeeröstereien verkaufen Kaffeebohnen im Stoffsäckchen und auch der Bäcker packt das Brot in eine Papiertüte oder gibt es auch einfach so mit. Manche Käse- und Fleischtheken ermöglichen auch, die Waren in mitgebrachten Dosen zu kaufen. Wer frisch kocht, auf Fertiggerichte verzichtet und Schokoriegel und Co reduziert, braucht nur noch die Basics verpackt zu kaufen. So lässt sich der Müllverbrauch schon deutlich reduzieren. 

? Wir versuchen, unserem Sohn ein gutes Vorbild zu sein. Oft ist uns aber gar nicht bewusst, wie wenig nachhaltig wir uns verhalten. Kannst du Eltern ein paar gute Tipps und Tricks an die Hand geben, wie sie ein gutes Vorbild sein können, ohne als die seltsamen „Öko-Eltern“ abgestempelt zu werden?

! Nein. Ich glaube wir sollten einfach viel selbstbewusster damit umgehen, anders als die Masse zu sein. Wir müssen uns nicht dafür schämen, dass wir die Welt unserer Kinder erhalten wollen. Wenn die Kinder in dem Gedanken aufwachsen, dann werden sie aus sich heraus den Eltern folgen. Abstrafungen, Verbote und schlechtes Gewissen sind dabei nicht angebracht, das geht irgendwann nach hinten los.

? Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter meine Schwester und mich als wir Kinder waren mit einer Tupperdose zum Imbiss um die Ecke geschickt hat. Die ersten Male war uns das damals unfassbar unangenehm, weil der Imbissverkäufer ziemlich erstaunt war. So etwas hatte er scheinbar noch nie erlebt. Wie können Eltern ihren Kindern die Sinnhaftigkeit von einer nachhaltigen Lebensweise schon früh vermitteln, ohne dass es ihnen peinlich ist?

! Selbstbewusstes Vorleben ist sehr wichtig. Je früher man damit anfängt, desto einfacher wird es. Für die Kinder ist das dann Normalität. Die Fragen kommen später, wenn sie feststellen, dass viele Menschen anders leben. Auch meine Eltern lebten schon „anders“ als die meisten. Ich erinnere mich jedoch daran zurück, dass ich sie dabei zu 100 Prozent unterstützt habe. Ich fand es gut, anders zu sein als die Masse, die alles macht, was sie im Fernsehen sieht.

? Wie funktioniert das Unverpackt-System in deinem Laden eigentlich? 

! Jeder bringt seine Verpackung selber mit. Gläser, Dosen, Stoffsäckchen oder alte Nudelpackungen. Die Gefäße werden leer gewogen und dann befüllt. An der Kasse wird erneut gewogen und das Leergewicht abgezogen.

? Die Produkte sind bei dir im Laden aber doch sicherlich teurer als beim Discounter. Ist das Thema Müllvermeidung daher eher etwas für die Besserverdiener?

! Ganz im Gegenteil. Wer „Zero Waste“ lebt, spart extrem viel Geld ein. Man denkt bei Müllvermeidung erst mal nur an Verpackungsmüll. Tatsächlich geht es aber um alles, was wir kaufen. Alles was wir kaufen, schmeißen wir irgendwann weg. Je weniger wir kaufen, je länger wir die Sachen behalten, reparieren, tauschen oder verleihen, desto weniger muss produziert, entsorgt und eben gekauft werden

Nirgendwo auf der Welt geben die Menschen so wenig Geld für Lebensmittel aus wie in Deutschland. Wir Deutschen geben sogar weniger Geld für Lebensmittel aus, als sie überhaupt wert sind. Das funktioniert nur mit Subventionen und einer destruktiven konventionellen Landwirtschaft. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir wieder weniger Geld für Konsumgüter und wieder mehr Geld für Lebensmittel ausgeben.

? Was hältst du von Flugreisen? Sollte man der Umwelt zu Liebe auf Fernreisen und Flüge verzichten und nur noch in der Eifel Urlaub machen? Oder was bedeutet nachhaltiger Urlaub?

! Anfangs dachte ich, ich könnte Müll vermeiden und alles andere in meinem Leben so lassen wie es ist – inklusive ständiger Langstreckenflüge um die halbe Erde. Irgendwann wurde mir jedoch klar: Müllvermeidung ist gut und wichtig, aber im Vergleich zu dem, was ein einzelner Flug nach Südostasien an CO² in die Luft bläst, ein Tropfen auf den heißen Stein.

Deshalb habe ich mich entschieden, nicht mehr zu fliegen. 

Vielleicht müssen wir das Thema Urlaub völlig anders denken. Ich bin dabei auch noch ganz am Anfang. Bisher habe ich die Flugreisen durch eine VW-Bus-Camping-Reise ersetzt. Aber auch dabei fährt das schlechte Gewissen immer mit. 

Es ist paradox: Viele leisten sich ein Auto, um möglichst schnell aus der Stadt fliehen zu können. Viele fliegen und fahren tausende Kilometer, um in unberührter Natur Erholung zu finden. Dabei zerstören sie genau diese Natur mit ihrer Reise. 

Wir sollten anfangen, unsere Welt so zu verändern, dass wir solche Reisen nicht mehr brauchen, um uns zu erholen. Wir sollten die Autos aus den Städten verbannen, die Städte begrünen und vor der Haustüre leben.

? Abgesehen vom Urlaub, müssen viele Personen auch beruflich bedingt immer wieder fliegen. Ich steige zum Beispiel mindestens zweimal pro Jahr beruflich bedingt in ein Flugzeug. Was denkst du über das beruflich bedingte Fliegen? Oder im ganz speziellen, die Flug-Pendler, die nahezu jeden Tag quer durch Deutschland mit dem Flugzeug jetten?

! Wir sind unglaublich gut darin, uns Ausreden parat zu legen. Wir reden uns ein: Ich muss ja fliegen oder Autofahren, sonst komme ich nicht zur Arbeit. Tatsächlich haben wir aber immer die Wahl, schließlich müssen wir diesen einen Job nicht unbedingt ausüben. Auch ich habe meinen Beruf gewechselt, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, acht Stunden am Tag Dinge zu tun, die ich für falsch halte.

Wer wirklich nachhaltig leben will, kommt nicht drum herum, sich alle Bereiche seines Lebens genau anzuschauen. Tatsächlich leben sozial schwache Menschen, denen die Umwelt schlichtweg egal ist, nachhaltiger als wir aus dem „Bildungsbürgertum“, denen das Thema Umwelt so bewusst und wichtig ist. Das liegt schlichtweg daran, dass es sich sozial schwache Menschen nicht leisten können, in dem Maße zu konsumieren, zu reisen und zu wohnen.

Aber du beschreibst den Kern des Problems: Warum ist es überhaupt notwendig, dass so viele Menschen jeden Tag beruflich fliegen oder Auto fahren? Warum arbeiten wir so weit von unserem Wohnort entfernt? Warum haben wir keine Zeit mehr, in die Bahn zu steigen? Warum ist Fliegen günstiger als Bahnfahren? Solche grundlegenden Strukturen müssen sich ändern!

? Auch wenn ein nachhaltiger Lebensstil alle Lebensbereiche betrifft, würde es doch schon viel bringen, wenn einfach jeder ein bisschen bewusster leben würde, oder?

! Ja! Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, unvollkommen getan zu werden! Es geht nicht darum, dass wir perfekt sein müssen. Es geht darum, dass wir nicht aufhören, zu denken und nicht aufhören, uns zu bewegen – ganz egal, wo wir stehen.

Wir danken dir für das Gespräch, dass uns wirklich nachhaltig zum Nachdenken bewegt hat!

Übrigens hat Olga eine Liste mit Vorschlägen verfasst, wie durch „Zero Waste“ effektiv Geld gespart werden kann: www.zerowastelifestyle.de/wie-gehts/zu-teuer/

 

Olga Unverpackt-Laden KölnOlga lebt seit Anfang 2013 nach dem „Zero Waste“-Prinzip. Seitdem betreibt sie auch den Blog zerowastelifestyle.de. Sie ist Autorin des Buchs „Ein Leben ohne Müll – Mein Weg mit Zero Waste“. Zudem hält sie Vorträge, gibt Workshops, berät Privatleute, Firmen, Organisationen und Veranstalter. Anfang 2016 gründete sie mit ihrem Mann Gregor den Zero Waste Laden – einen Onlineshop für „Zero Waste“-Spezialprodukte.
Um wirklich müllfrei leben zu können, entschieden sich die beiden, einen Unverpackt-Laden für Bio-Lebensmittel in Köln ins Leben zu rufen. Olga und Gregor holten sich dafür Dinah mit ins Boot und zu dritt öffneten sie am 5. November 2016 die Pforten von „Tante Olga – Kölns 1. Unverpackt-Laden“.

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