Weggefährte

Vor ziemlich genau einer Woche überrollte uns eine noch nie dagewesene Wutwelle unseres Sohnes. Die anfängliche Verzweiflung wich ziemlich schnell einem unbändigen Tatendrang. Mit einigen Stunden Abstand zum morgendlichen Wutanfall konnten wir das ganze Szenario etwas rationaler betrachten – was es keineswegs weniger heftig oder verständlicher machte. Aber es stellte sich Zuversicht bei uns Eltern ein. Die Zuversicht, dass wir die Wut gemeinsam in den Griff bekommen würden.

In der Kita berichteten die Erzieherinnen, dass der Morgen nicht nur uns Eltern sehr beschäftigt hat, sondern dass das Erlebte auch unseren Sohn ziemlich aus der Bahn geworfen hat. Als ich ihn an dem Nachmittag abholte, suchte er so viel Nähe und Geborgenheit wie schon ewig nicht mehr. Schnell merkte ich, dass auch ich das beides ziemlich gut vertragen konnte. Und so verbrachten wir einen Schmuse-Nachmittag, der die Wogen glättete. 

Wut ist keine Lösung

Nachdem der Vater und ich unseren Sohn an diesem Abend gemeinsam zu Bett gebracht hatten, ließen wir den Morgen Revue passieren. Beide hatten wir an dem Tag enge Freunde und Verwandte nach Ratschlägen gefragt. Es tat gut, zu hören, dass erfahrene Erzieher Wutphasen als wertvoll erachten, auch in diesem Ausmaß. Dass wir in solchen Phasen nicht an uns als Eltern zweifeln sollen, sondern unsere Kraft und Energie darauf verwenden sollen, wie wir gemeinsam eine Lösung finden. Denn auch, wenn diese Wutanfälle „normal“ sind, so sind sie für alle Beteiligten nicht schön. Uns wurde mit auf den Weg gegeben, dass es in Ordnung ist, wenn unser Sohn mal wütet. Aber dass wir ihm stärker seinen Weg weisen müssen, um ihn gar nicht erst wütend werden zu lassen. Er soll seine Wut nicht unterdrücken, sondern gemeinsam mit uns Wege finden, die seine Wut überflüssig machen. Das wird nicht immer funktionieren, das ist klar.

Fragen über Fragen

Für uns war ein hilfreicher, wenn auch eigentlich sehr nahe liegender, fast schon selbstverständlicher Tipp, dass wir konsequent sein sollen. Und zwar liebevoll konsequent. Dazu gehört auch, klare Ansagen zu machen und diese durch zu ziehen. „Machen wir doch“, dachten der Vater und ich. Wir mussten aber feststellen: Machen wir oft überhaupt nicht. Vielmehr haben wir uns beide angewöhnt, unseren Sohn zu fragen. „Sollen wir dann jetzt die Schuhe anziehen?“ Das ist so eine typische Frage von uns gewesen, auf die uns die Erzieherin in der Kita aufmerksam gemacht hat. Denn die Antwort unseres Sohnes hätte klar gelautet: „Nein!“ Es ist aber notwendig, die Schuhe anzuziehen, da wir die Kita verlassen wollen – und wohlgemerkt ohne Schuhe wollte er auch nicht gehen, das habe ich des Öfteren versucht. Nun sagen wir ihm: „Wir ziehen jetzt die Schuhe an!“ Manch ein Erwachsener mag denken: „Das ist doch gehopst wie gesprungen.“ Für uns Erwachsene vielleicht, für Kinder aber nicht. Wir fragen sie etwas, sie sagen uns, dass sie nicht ihre Schuhe anziehen wollen und wir ziehen sie trotzdem an. Also warum fragen wir überhaupt, wenn die Antwort doch ohnehin schon feststeht?

Diese Fragerei in Situationen, in denen klar ist, was jetzt kommen soll, dazu gehört zum Beispiel das Wickeln, das Anziehen, das Zähneputzen und das Gehen an der Hand über die Straße, versuchen wir, zu vermeiden. Wir bemühen uns, ihm mitzuteilen, was wir jetzt machen. Und das frühzeitig. Das war ein weiterer super effektiver Tipp. „Sagt im rechtzeitig Bescheid, was ihr vorhabt, damit er sich drauf einstellen kann und von der Änderung nicht überrumpelt wird.“ Funktioniert einwandfrei bei unserem Sohnemann. „An dem Pfahl dort hinten, da setzen wir dich in den Kinderwagen und fahren dann nach Hause.“ Auch wenn solch eine Ansage oft erstmal auf Ablehnung stößt, hat er sich bislang ohne Wutanfall in den Wagen setzen lassen. Das gleiche funktioniert beim Schuhe-Anziehen, beim Warten auf das Essen oder beim Einkaufen. 

Die Uhr läuft

Der Zeitfaktor scheint eine entscheidende Komponente zu sein. Irgendwie haben wir das Gefühl, dass die Wut unseren Sohn überkommt, wenn er sich überrumpelt fühlt. Wenn er sich nicht auf Dinge vorbereiten kann, wenn wir ihn erst informieren, wenn es eigentlich schon so weit ist. Wer hätte gedacht, dass Sanduhren wahre Wundermittel sind. Denn hier kann er zusehen, wie die Zeit, die wir ihm bis zur Veränderung genannt haben, verrinnt. Und ich muss ganz ehrlich zugeben, diese kleinen und kurzen Phasen, in denen wir gemeinsam warten, dass die Zeit vergeht, bis wir nach unten gehen, die entschleunigen mich. Einfach mal durchatmen und kurz warten, kann ganz schön gut tun. 

Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, eine richtige Strukturtafel zu basteln. Wie genau sie aussehen sollte, wussten wir noch nicht. Aber unser Sohn sollte auf dieser Tafel gemeinsam mit uns verschiedene notwendige Punkte abhaken können. Von der Strukturtafel nehmen wir erst einmal Abstand, weil unser Sohn die kleinen Hilfen, die wir ihm geben, sehr gut annimmt und wir ihn nun nicht mit Hilfsmitteln überfrachten wollen. Aber wir verwerfen den Plan nicht, denn – so realistisch sind wir dann doch – sein heftiger Wutanfall ist gerade mal eine Woche her. Ob die Maßnahmen, die jetzt so wunderbar fruchten, auch noch in zwei Wochen funktionieren, das steht in den Sternen.

Lektion gelernt

Wir sind optimistisch, dass wir als Eltern ein riesengroßes Stück dazu gelernt haben und gemeinsam mit unserem Sohn gerade einen ziemlich guten Weg finden. Ein Tipp, der bei unserem Sohn vollkommen auf Ablehnung stößt, ist das Wutkissen. Wir haben das Kissen gemeinsam ausgesucht und haben ein Lavendelsäckchen hineingepackt, damit es gut riecht. Unser Sohn mag das Kissen und auch den Duft, aber nur zum Kuscheln oder zum Schmusen, nicht um seine Wut abzufangen. Denn das Kissen behindert ihn in seiner Wut und macht ihn nur noch wütender. 

Der Wutanfall hat uns gezeigt, dass wir immer weiter an uns arbeiten müssen. Dass die Probleme oftmals gar nicht bei unseren Kindern liegen, ebenso wenig bei uns, sondern irgendwie im Umgang und der Kommunikation miteinander. Wir haben verstanden, dass wir an dieser unfassbar innigen und intensiven Beziehung zu unserem Sohn beidseitig arbeiten müssen. Und so wird es wahrscheinlich auch unser Leben lang bleiben. 

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