Wie viel schlimmer ist es heute als es gestern war?

Die Corona-Krise ist in aller Munde. Uns interessiert, wie die Leute mit der momentanen Lage umgehen, was sie bewegt und wie sie sich fühlen. Aus diesem Grund haben wir Personen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Berufsgruppen gefragt, wie sie die derzeitige Situation wahrnehmen und meistern. Allen haben wir dieselben Fragen gestellt. Die folgenden Antworten stammen von einem 31 Jahre alten Singer-Songwriter. Er ist verlobt und wollte eigentlich im Mai seine Hochzeit feiern.

? Mit welchem Gefühl wachst du momentan auf?

! Mit keinem schlechten Gefühl, keine Angst, aber mit einem Gefühl der Unsicherheit. Seitdem das Virus im Umlauf ist gibt es immer wieder Infos aus den Medien, die mich verunsichern und die Lage wird ja mit der Zeit nur schlimmer. Der vorherrschende Gedanke an jedem neuen Morgen ist deshalb eigentlich nur: Wie viel schlimmer ist es heute als es gestern war?

? Mit welchem Gedanken gehst du abends ins Bett?

! Ich gehe vor allem mit der Hoffnung ins Bett, dass es am nächsten Tag irgendwelche Anzeichen dafür gibt, dass die Zahl der Neuansteckungen und der Todesfälle zurück geht, also die bekannte Kurve abflacht. Von Deutschland ganz unabhängig freue ich mich, wenn ich sehe, dass andere Länder Wege gefunden haben, das Virus besser in den Griff zu bekommen und damit als ein gutes Vorbild dienen. Das sind die Infos nach denen ich suche. Ich habe allerdings keine Probleme einzuschlafen, ich kann also nicht von einer Panik bei mir sprechen.

? Wie wirkt sich die mediale Berichterstattung auf deine Stimmung aus?

! Natürlich schlecht, angesichts der konstant schlechten Nachrichten. Ich habe vor ein paar Tagen gemerkt, dass ich das begrenzen muss, weil es mir wirklich nicht hilft. Ich habe noch nie so viel Nachrichten geguckt und wie hypnotisiert auf jede Schlagzeile geklickt, die das Wort Corona im Titel hatte. Das sieht mir eigentlich gar nicht ähnlich und ich passe jetzt auf, dass ich nur noch ein paar ausgewählte Kanäle für diese Infos verwende, wie zum Beispiel den Corona Update Podcast. Ansonsten lenke ich mich ab, in erster Linie mit Musik machen und Videospielen.

? Inwiefern beeinflusst die derzeitige Situation deine berufliche Zukunft?

! Ich bin von Beruf Musiker, genauer solo-selbstständiger Singer-Songwriter. Ich bin einer der wenigen, die in der Branche komplett alleine arbeiten, ganz ohne Band oder Team und nur davon alleine leben können. Sämtliche Auftritte bis Mitte Juni wurden abgesagt, was ich natürlich sehr schade finde, weil ich nichts lieber tue als aufzutreten und es mich einiges an Geld kostet, weil ich zum Großteil von Auftritten lebe. Im Gegensatz zu vielen Kollegen sehe ich das Ganze aber eher gelassen, weil ich Ersparnisse habe, die mir über die Zeit hinweg helfen. Deswegen denke ich auch, ich habe viel weniger Grund, mich zu beschweren, als viele andere Selbstständige, die jetzt um ihre berufliche Existenz bangen müssen und so ist es für mich auch nicht so schlimm, dass die Soforthilfe auf mich nicht zutrifft. Dafür sind Rücklagen ja da. Ich bin zuversichtlich, dass ich meinen Job behalten können werde, denn die Menschen werden hinterher Musik genauso brauchen wie vorher, gesichert ist mein Job allerdings genauso wenig wie vorher. Man könnte sagen, ich bin nach 7 Jahren in diesem Beruf, die generelle Unsicherheit schon gewohnt. Im übrigen bin ich es auch gewohnt, einen großen Teil meiner Zeit drinnen zu verbringen und allgemein viel Zeit zu haben, es ändert sich also nicht wahnsinnig viel für mich. Das mit Abstand schlimmste an der ganzen Situation ist allerdings, dass ich meine Hochzeitsfeier im Mai absagen muss.

? Was geht in dir vor, wenn du Corona hörst?

! Ich kann es schon nicht mehr hören und da geht es nicht nur mir so. Man hört und liest es ja überall gerade und es wird langsam zu einer Art Voldemort, das Wort, das nicht genannt werden darf. Ich denke es ist okay, dass es so ist, es gibt gerade Schlimmeres, als von einem Wort und seinem inflationären Gebrauch genervt zu sein.

Interviews dieser Fragezeit

Die Zeit vor und nach Corona

Das Gefühl morgens beim Aufwachen gleicht ein wenig dem Gefühl, das ich während meiner Zeit in Köln im Krankenhaus hatte. Ich lag dort, unterbrochen mit kurzen Pausen, von März bis Oktober 2012 zur Chemotherapie und autologen Stammzelltransplantation.

Die heutige Medizin ist in vielen Fällen machtlos

Corona-Viren sind mir zuerst während meines Studiums begegnet. Damals war es nur eine Beschreibung auf einer Karteikarte, zu der ich kaum einen Bezug hatte, geschweige denn ein Gefühl. Heute verbinde ich mit dem Begriff Corona eine unterschwellige Befürchtung.

Ich fühle mich von den Medien betrogen

Ich kann Corona nicht mehr hören. Deswegen schaue ich sehr wenig Fernsehen oder lese kaum Zeitung. Mein Mann wird gut informiert und leitet mir das weiter. Und vor allem, muss man wirklich keine Maske tragen, wenn man in der Natur alleine spazieren geht.

Wann kann ich unsere Kinder wiedersehen?

Wann ist die Corona-Krise vorbei und wann kehrt wieder ein normales Leben mit sozialen Kontakten und geliebten Routinen ein. Und insbesondere frage ich mich natürlich: Wann kann ich unsere Kinder und unser Enkelkind wiedersehen?

Das ist jetzt unsere Gegenwart

Corona ist jetzt unsere Gegenwart. Und bleibt wohl auch noch eine Weile gegenwärtig. Emotionales Neuland. Irgendwann wird es vertraut und irgendwann Vergangenheit sein. Ich möchte die Chancen, die diese Krise gesellschaftlich auch bedeuten, positiv mitgestalten.

Leute nehmen das immer noch nicht ernst

Es ist eine ernste Situation – sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Ich mache mir Sorgen um mir nahe stehende Personen wie meine Eltern, die zur Risikogruppe gehören. Ich ärgere mich auch, dass Leute weiter rumwandern als sei nichts.

Zu Hause tanzen ist halt nicht dasselbe

Es weiß momentan einfach niemand, wohin es gehen wird. Wir schwimmen alle irgendwie gemeinsam und hoffen, in die richtige Richtung zu treiben. Wie soll man bei so viel Unsicherheit denn nicht ein bisschen genervt sein und Langeweile und Brechreiz verspüren.

Ich habe gelernt, mich zu schützen

Ich denke, Corona hat gute Chancen, seit Menschengedenken das meistgebrauchte Wort zu werden. Die Welt verändert sich, noch nie war das Leben so heruntergefahren. Mögen wir Menschen endlich verstehen, welche riesengroße Chance zum Umdenken und zur Umkehr darin liegt!