Wohnsinn

? Sie sind Wohnpsychologin, aber was ist Wohnpsychologie überhaupt?

! Die Wohnpsychologie ist ein Teilbereich der sogenannten Umweltpsychologie, die sich mit dem wechselseitigen Einfluss von Mensch und seiner Umwelt beschäftigt. Die Wohnpsychologie beschäftigt sich also einerseits mit dem Einfluss, den Räume auf uns Menschen haben. Andererseits befasst sie sich mit der Frage, wie wir Räume so gestalten können, dass die Bewohner oder Nutzer dieser Räume sich darin möglichst wohl fühlen. Dabei geht sie immer vom einzelnen Menschen und seinen Bedürfnissen aus.

? Hat die Wohnpsychologie für Familien einen besonderen Stellenwert? 

! Die Wohnpsychologie hat im Grunde für jeden einen hohen Stellenwert, da die Wohnzufriedenheit stark davon bestimmt ist, ob die individuellen Wohnbedürfnisse erfüllt sind. Um diese Bedürfnisse zu erfüllen, müssen sie aber erst einmal bekannt sein. Beim Herauszufinden, was die eigenen Bedürfnisse sind, ist es empfehlenswert, sich mit wohnpsychologischen Fragen zu beschäftigen. Wenn mehrere Menschen zusammen wohnen, ist es umso wichtiger, dass die Wohnbedürfnisse jedes Einzelnen klar sind, damit die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden können. Diese widersprechen sich nämlich gar nicht so selten.

? Gibt es denn bestimmte „Grundregeln“ zur Gestaltung des Wohnumfelds, die aus wohnpsychologischer Sicht berücksichtigt werden sollten?

! Neben der Frage nach den vorhandenen Wohnbedürfnissen, wie beispielsweise Sicherheit, Rückzug und Geselligkeit gibt es schon auch solche Grundregeln, weil wir Menschen in bestimmter Weise alle ähnlich funktionieren. Unsere Wahrnehmung funktioniert nach gewissen Prinzipien, daher nehmen viele Menschen einige Dinge ähnlich wahr und finden sie angenehm oder unangenehm.

So kann man zum Beispiel recht allgemein sagen, dass ein mittleres Reizniveau – also nicht zu viele und nicht zu wenige Reize – im Wohnumfeld als angenehm erlebt werden. Die meisten Menschen haben aber eher zu viele Dinge in ihrer Wohnung wie beispielsweise Möbel und Deko, sodass es häufig ums Reduzieren geht. Weniger ist also oft mehr. Es gibt aber einen Faktor, von dem viele Menschen zu wenig in ihrer Wohnung haben und das ist Licht. Damit meine ich schönes Licht, also Licht in einer angenehmen Lichtfarbe und Helligkeit. Und als dritte Grundregel würde ich empfehlen, in Zimmern Raumzonen zu schaffen. Das bedeutet, die Funktionen, die ein Raum erfüllen soll, auch optisch sichtbar zu machen.

? Wie kann sich eine „falsche“ Wohngestaltung auf die Stimmung auswirken?

! Räume, die – in welcher Hinsicht auch immer – nicht optimal gestaltet sind, verschlechtern die Befindlichkeit, und das macht schlechte Stimmung. Solche Räume sind Energieräuber.

? Die eigene Wohnung sollte der Ort sein, an dem man zur Ruhe kommt. Das gelingt uns nicht immer. Gibt es aus wohnpsychologischer Sicht Tipps, wie sich Ruhe-Oasen in eine Wohnung integrieren lassen?

! Ruhe-Oasen schafft man durch Rückzugsmöglichkeiten, vor allem aber durch Reizreduktion. Denn optische Ruhe schafft auch innere Ruhe.

? Wir fragen uns oft, wie wir das Kinderzimmer unseres Sohnes am besten einrichten. Mit seinen zwei Jahren kann er seine Meinung noch nicht wirklich äußern. Nach welchen Kriterien können Eltern Kinderzimmer am besten einrichten?

! Auch im Kinderzimmer gilt: nicht zu viel und nicht zu wenig. Und gerade im Kinderzimmer ist es wichtig, verschiedene Funktionszonen zu schaffen: eine Ruhe- und Schlafzone, eine Spielzone, später eine Lernzone, in der sich das Kind gut konzentrieren kann. Dabei kann man auch mit Licht gute Effekte erreichen.

? Ich erinnere mich gut daran, dass ich in meiner Jugend mein Zimmer oft umgestellt und neu dekoriert habe. Sollten wir unseren Kindern die Möglichkeit geben, ihre Zimmer immer wieder neu nach ihrem momentanen Gefühl zu gestalten?

! Das Kinderzimmer sollte schon auch ein stabiler Rahmen sein, aber manche Kinder mögen relativ viel Veränderung. Wenn Kinder das klar einfordern, würde ich das auch – im vernünftigen Rahmen – zulassen. Räume zu gestalten, heißt ja auch, sich die Räume anzueignen, sie zu seinen ganz persönlichen und eigenen zu machen. Und das ist eine schöne Erfahrung und Entfaltungsmöglichkeit für Kinder, wenn sie sich ihren Raum ganz zu eigen machen können.

? Unser Sohn ist ein willensstarkes Kind, das immer wieder heftige Wutausbrüche bekommt. Kann sich die Gestaltung unseres Wohnraums und vor allem die seines Zimmers auf seine Wut auswirken?

! So generell kann man das , glaube ich, nicht sagen. Was bei Wut helfen kann, ist ein reizreduziertes Umfeld. Bei Wutanfällen kann es manchmal helfen, einen Raum oder Bereich in der Wohnung zu haben, an dem man seine Wut erst ausagieren kann, sich dann aber dort auch beruhigen kann. Dabei kann es helfen, wenn dieser Bereich eher weniger Reize bietet. Letztlich geht es da aber oft mehr darum, einen Moment alleine zu sein, weil das Kindern manchmal helfen kann, wieder auf ein normales Erregungslevel zu kommen.

Vielen Dank für das interessante und aufschlussreiche Gespräch!

Die Wohnpsychologin Die Wohnpsychologin Dr. Barbara PerfahlDr. Barbara Perfahl beschäftigt sich seit 2009 beruflich mit dem Einfluss von Räumen auf unser Wohlbefinden und der Frage nach guter Raumgestaltung. Davor hat sie als Psychologin im wissenschaftlichen Bereich und später in einer Firma für Begutachtung und Beratung in verschiedenen Leitungspositionen sowie als Gutachterin gearbeitet. Der Themenkomplex Wohnen-Einrichten-Architektur begleitet sie aber schon ganz lange. Sie fand es schon als Kind toll, mit ihren Eltern auf der Suche nach einem Wochenenddomizil Häuser anzuschauen und während ihres Psychologiestudiums hat sie immer wieder Architekturvorlesungen besucht. Indem sie ihren “erlernten” Beruf mit ihrem Lieblingsthema Wohnen verbunden hat, hat sie sich ihren Traumjob geschaffen. Kreativ arbeitet sie aber nicht nur beim Einrichten, sondern auch indem sie ihren Blog und Bücher schreibt.

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