Wut gebrüllt

Lange war es ruhig um unseren Wutwurm. Klar, es gab immer mal wieder die ein oder andere Unmutsbekundung mit ordentlicher Stampferei und lautem Gezeter, aber die Wutanfälle, die uns viele Wochen und Monate ziemlich aus der Bahn geworfen haben, die waren Vergangenheit.

Das wütende Kopfschlagen unseres Sohnes gehört sicherlich zu den schlimmsten und anstrengendsten Erlebnissen und Entwicklungsphasen, die wir mit ihm bislang durchgestanden haben. Selten haben wir uns so ohnmächtig, so verzweifelt gefühlt. Es gab kaum andere Situationen in unserem Leben, in denen uns bewusst wurde: Wir müssen uns und unser Verhalten ändern. Wir müssen an uns arbeiten, damit wir unseren Sohn besser begleiten und leiten können.

Freiheit mit Grenzen

Wir können sagen: Das haben wir geschafft. Nicht immer perfekt. Immer wieder mit Rückschlägen. Aber wir haben einen Weg gefunden, zu dritt. Das war nicht immer einfach, aber umso lehrreicher. Wir haben gelernt, dass wir auch sehr anstrengende Phasen gemeinsam meistern können. Dass wir uns nicht scheuen dürfen und sollen, Hilfe und Ratschläge anzunehmen. Dass wir uns unsere eigenen Fehler eingestehen und an uns arbeiten müssen. Denn der Schlüssel, die Wut in den Griff zu bekommen, lag schlichtweg darin, dass wir als Eltern unser Verhalten angepasst haben. Dass wir konsequent waren, ohne Ausnahmen. Dass wir frühzeitig kund gaben, was als nächstes ansteht, sodass unser Sohn sich auf das Bevorstehende vorbereiten konnte. Dass wir weniger gefragt, sondern mehr informiert haben.

Dabei haben wir uns immer bemüht, unseren Sohn mit entscheiden zu lassen. Wir haben also versucht, nicht zu bestimmen, dass wir beispielsweise ein bestimmtes Spiel spielen. Sondern wir haben gesagt, wir haben Lust, das eine bestimmte Spiel zu spielen und haben einfach zu spielen begonnen. In den meisten Fällen hat unser Sohn sich angeschlossen. Manchmal hat er aber auch ein anderes Spiel herausgekramt und uns gebeten, sein Spiel mit ihm zu spielen. Das haben wir natürlich gemacht. Aber wir haben ihn nicht gefragt, willst du Spiel A, B oder C spielen. So viel Entscheidungsfreiheit hat unserem Kleinen nicht gut getan.

Der springende Wille

Seit ein paar Tagen haben wir immer wieder bemerkt, dass unser Sohn sich entwickelt und einen eigenen Willen hat. Immer öfter bekommen wir zu hören, was er will und vor allem, was nicht. Er hat oft Lust etwas zu tun. Manchmal sagt er aber auch sehr vehement, dass er dazu gerade keine Lust hat. Das ist in Ordnung. Aber er ist sprunghaft in seiner Meinung, ziemlich sogar. Also sind wir wieder gefordert, uns konsequenter denn je zu verhalten. Ihm zu signalisieren, dass er immer seine Bedürfnisse äußern kann, dass wir sie stets versuchen, zu berücksichtigen, dass er sich aber für einen Weg entscheiden muss. Und diesen Weg gehen wir dann auch gemeinsam.

Momentan testet er mal wieder aus, wie weit er gehen kann. Seine Grenzen versucht er, auszuloten und zieht dabei viele Register. Ob Durst, eine laufende Nase oder ein quersitzender Pups, er findet viele Ausreden, um Situationen zu unterbrechen oder in eine andere Richtung zu lenken. Häufig ist das nicht ganz so offensichtlich und wir merken erst zu spät, dass wir auf seinen „Trick“ reingefallen sind.

Explosive Wut

Gestern war es dann wieder so weit. Die Wut war da. Unbändig, stark, zittrig und unbeherrschbar. Der Auslöser war banal. Nach dem Abendessen wollten wir in sein Zimmer gehen, um dort zu inhalieren. Sowohl er als auch ich sind erkältet, sodass wir beide inhalieren mussten. Er durfte sich aussuchen, wer beginnen sollte. Er wollte aber keine Entscheidung treffen. Also traf ich sie und sagte ihm, dass ich nun inhalieren würde und er anschließend dran sei.

Das brachte die Situation zum Eskalieren. Er versuchte mir das Inhaliergerät zu entreißen. Er stand vor mir, zitterte vor Wut, tobte und schrie. Dabei verletzte er nicht sich selber, wie noch vor wenigen Monaten, sondern er lebte seine Wut aus, indem er gegen Sachen trat, ziellos durch sein Zimmer lief, mit Bällen schmiss. Sich selbst verschonte er und uns auch weitestgehend. Immer wieder unterbrach ich das Inhalieren, wenn er mir das Gerät entreißen wollte, und erklärte ihm die Situation. Ich wollte ihm anbieten, bei mir zur Ruhe zu kommen. Auf meinem Schoß zu warten bis ich fertig sei. Aber ich sagte ihm klar und deutlich, dass ich nun zuerst inhalieren würde und er dann an der Reihe sei.

Gewitter reinigen die Luft

Nach rund 20 Minuten war ich fertig mit dem Inhalieren, unser Sohn aber nicht mit dem Wüten. Also saßen wir da und warteten. Er hatte sich vollkommen in Rage geschrien, es war nicht möglich, an ihn heranzukommen. Wir hatten fast den Eindruck, diese Wut, die musste raus. Sie hatte sich angestaut und er musste ihr einfach Luft lassen. Schön war das nicht, aber nicht ansatzweise so schlimm wie die Wutanfälle, in denen er die Wut gegen sich selber richtete.

Ich weiß es nicht genau, aber dieser heftige Wutanfall hat fast eine Stunde gedauert. Vollkommen erschöpft setzte unser Sohn sich irgendwann auf meinen Schoß, schmiegte sich an mich und wollte inhalieren. Ohne Vorankündigung, einfach so den Schalter umgelegt. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir einen super harmonischen Abend mit viel Nähe und Schmuserei. Das war schön. Er erzählte auch immer wieder von seinen Kita-Freunden, die auch wütend waren. Ich habe ihm erklärt, dass er wütend sein darf. Dass er seiner Wut Lauf lassen darf und soll. Mir hilft es auch immer, zu laufen, einfach mal zu brüllen, mich körperlich zu betätigen. Aber mir war wichtig, ihm zu sagen, dass er seine Wut nicht gegen andere richten darf. Denn immer wieder hat er während des Anfalls versucht, mir das Inhaliergerät mit Gewalt zu entreißen. Für mich der Punkt, das Gerät auszuschalten. Denn ich möchte keinen Gewaltkampf mit ihm kämpfen.

Heute morgen hat unser Sohn mir dann erzählt, dass er gestern sehr wütend war und dass er immer so durch das Zimmer gelaufen ist. Er hat es mir vorgemacht, wie er gelaufen ist. Was das zu bedeuten hat, das weiß ich nicht. Aber er war ganz bei sich, ganz gefasst. Er hat auch gesagt, dass er gestern viel geweint und geschrien hat, aber das jetzt nicht mehr muss. Und dann saßen wir einfach auf seiner Matratze und haben die Zeit ein wenig verstreichen lassen bevor wir gemeinsam das Haus verlassen haben und in den Tag gestartet sind.

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