Zu Hause tanzen ist halt nicht dasselbe

Die Corona-Krise ist in aller Munde. Uns interessiert, wie die Leute mit der momentanen Lage umgehen, was sie bewegt und wie sie sich fühlen. Aus diesem Grund haben wir Personen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Berufsgruppen gefragt, wie sie die derzeitige Situation wahrnehmen und meistern. Allen haben wir dieselben Fragen gestellt. Eine 29-jährige Assistenzärztin hat uns hier Rede und Antwort gestanden.

? Mit welchem Gefühl wachst du momentan auf?

! Eigentlich ist morgens alles wie immer. Mein erster Gedanke ist: NEIN, schon wieder so spät. Jetzt aber schnell los! Viel mehr Platz für Gedanken und Gefühle ist bei mir als notorische Fast-Verschläferin nicht drin. Zumindest nicht, wenn ich arbeiten muss. Wenn ich frei habe, fühle ich mich so ausgeschlafen wie in den letzten Jahren schon lange nicht mehr. Und dann kann ich mir ganz in Ruhe überlegen, ob ich heute vielleicht mal spazieren oder joggen gehe. Aufregend, ich weiß. Insgesamt ist die Gefühlslage gerade ein großer Spagat zwischen Anspannung und Langeweile, die ja auch nicht immer schlecht ist.

? Mit welchem Gedanken gehst du abends ins Bett?

! Wann hört das alles endlich wieder auf? Aus diversen Gründen. Besonders fehlt mir der Ausgleich, um meine Arbeit zu kompensieren. Und stundenlang zu Hause tanzen ist halt nicht dasselbe wie im Club. Die Festivals werden gecancelt, Sportplätze haben nicht auf und sogar die Onlinekurse über Zoom etc. schaffe ich zeitlich nicht, weil die immer schön in meiner Arbeitszeit liegen. Wann ich das nächste Mal in einem Café mit meinen Freunden sitze, steht ja erst recht in den Sternen. Deswegen hoffe ich einfach, dass jeder für sich was Positives aus der Situation ziehen kann. Ich telefoniere wie ein Weltmeister und lese einfach richtig viele Bücher. Das kommt sonst immer zu kurz bei mir.

Sorgen mache ich mir eigentlich selten, dafür bin ich, glaube ich, zu sehr eine unverbesserliche Optimistin. Zumindest, wenn ich es schaffe, nicht mehr genervt von den neuen Regeln zu sein. Dabei hilft mein neues Lieblingsritual: Ich meditiere fast jeden Abend vor dem Schlafen, das sortiert die Gedanken wirklich erstaunlich gut.

? Wie wirkt sich die mediale Berichterstattung auf deine Stimmung aus?

Mittlerweile versuche ich wirklich, mich nur einmal am Tag ausführlich zu informieren und dann auch ein paar andere Themen als Corona mit zu erwischen. Bei der Arbeit hab ich eh jeden Morgen eine E-Mail mit den aktuellen Zahlen und zur Lage in meiner Stadt. Das sind nüchterne Zahlen und Fakten. Um den Rest zu sortieren, nehme ich mir Zeit.

Klar bringen vor allem die Todeszahlen Sorgen mit. Vor allem, weil ich glaube, dass alle das Ausmaß zunächst unterschätzt haben. Bisher ist mein persönliches Umfeld jedoch verschont, das würde meine Gefühlslage sehr schnell verschieben.

Ich bin aber auch wirklich genervt davon, dass quasi keine Information mit anderen Erkrankungen in Relation gesetzt wird. Der Welt-Tuberkulose-Tag zum Beispiel ist richtig schön untergegangen. Dabei sind die Statistiken wirklich erschreckend. Aber die Finanzkrise wird natürlich immer verglichen. Die Schwerpunkte in der Berichterstattung in den letzten Jahren, kommen gerade ganz deutlich hervor und das nervt mich wirklich schon total lange. Deswegen übe ich mich jetzt immer öfter gezielt in Medien-Abstinenz. Andererseits hab ich wirklich richtig viele lustige und kreative Videos in der letzten Zeit gesehen. Die Medien können gerade bestimmt jeden auch gut ein bisschen aufmuntern.

? Inwiefern beeinflusst die derzeitige Situation deine berufliche Zukunft?

Ich arbeite als Ärztin im Krankenhaus, deswegen gehöre ich zu den Glücklichen – oder manchmal vielleicht auch Unglücklichen -, die ganz normal oder tendenziell mehr arbeiten müssen. Manchmal stelle ich mir vor, dass es auch schön wäre, nur jeden zweiten Tag zu arbeiten oder vielleicht auch mal Homeoffice zu machen. Aber dann bin ich doch ganz schnell froh, zur Arbeit fahren zu können und weiß meine Arbeitssituation sehr zu schätzen.

Momentan ist es aber auch eher ruhig bei der Arbeit und Covid-Patienten hatte ich in meiner Abteilung noch nicht. Das Ruhe-vor-dem-Sturm-Gefühl der letzten Wochen hat sich schon wieder ein bisschen gelegt. Wir harren einfach der Dinge, die kommen oder vielleicht auch nicht kommen.
Die größte Veränderung sind die neuen Hygienevorschriften, Kontrollen bei Kontaktpersonen, Besuchsverbote und die permanenten mal mehr oder weniger sinnvollen Änderungen in der Krankenhauspolitik. Und offensichtlich bin ich offiziell systemrelevant und fahre einen Passierschein im Rucksack durch die Gegend. Verrückte Welt!

Konkret befürchte ich, dass uns eine Welle wie zum Beispiel in Italien erreichen könnte. Aber so fühlt es sich gerade noch nicht an. Am meisten sorge ich mich aber eigentlich um die Berufsgruppen, die kein sicheres und regelmäßiges Einkommen oder staatliche geregelte finanzielle Unterstützung haben. Die schwimmen und kämpfen jetzt noch mehr. Wir brauchen doch unsere Kultur und kreativen Köpfe, jetzt noch viel mehr als eh schon.

? Was geht in dir vor, wenn du Corona hörst?

Mittlerweile bin ich meistens gereizt. Eigentlich wollte ich Brechreiz sagen, aber das wäre vielleicht ein bisschen vulgär. Die Leute drehen durch. Man muss ja fast um sein Leben fürchten, wenn man in der Öffentlichkeit niesen muss.

Es wird Zeit für ein anderes Thema, zumindest ein bisschen. Damit man die Corona-Berichterstattung auch wieder so ernst nehmen und verfolgen kann, wie man es sollte. Aktuell ist Corona sehr gepaart mit Perspektivlosigkeit. Sei es ein Rückgang der Fallzahlen, eine Aufhebung der Kontaktsperre, Examina, Urlaubspläne, Öffnung der Schulen und Kindergärten. Es weiß momentan einfach niemand, wohin es gehen wird. Wir schwimmen alle irgendwie gemeinsam und hoffen, in die richtige Richtung zu treiben. Wie soll man bei so viel Unsicherheit denn nicht ein bisschen genervt sein und Langeweile und Brechreiz verspüren.

Interviews dieser Fragezeit

Die Zeit vor und nach Corona

Das Gefühl morgens beim Aufwachen gleicht ein wenig dem Gefühl, das ich während meiner Zeit in Köln im Krankenhaus hatte. Ich lag dort, unterbrochen mit kurzen Pausen, von März bis Oktober 2012 zur Chemotherapie und autologen Stammzelltransplantation.

Die heutige Medizin ist in vielen Fällen machtlos

Corona-Viren sind mir zuerst während meines Studiums begegnet. Damals war es nur eine Beschreibung auf einer Karteikarte, zu der ich kaum einen Bezug hatte, geschweige denn ein Gefühl. Heute verbinde ich mit dem Begriff Corona eine unterschwellige Befürchtung.

Ich fühle mich von den Medien betrogen

Ich kann Corona nicht mehr hören. Deswegen schaue ich sehr wenig Fernsehen oder lese kaum Zeitung. Mein Mann wird gut informiert und leitet mir das weiter. Und vor allem, muss man wirklich keine Maske tragen, wenn man in der Natur alleine spazieren geht.

Wann kann ich unsere Kinder wiedersehen?

Wann ist die Corona-Krise vorbei und wann kehrt wieder ein normales Leben mit sozialen Kontakten und geliebten Routinen ein. Und insbesondere frage ich mich natürlich: Wann kann ich unsere Kinder und unser Enkelkind wiedersehen?

Das ist jetzt unsere Gegenwart

Corona ist jetzt unsere Gegenwart. Und bleibt wohl auch noch eine Weile gegenwärtig. Emotionales Neuland. Irgendwann wird es vertraut und irgendwann Vergangenheit sein. Ich möchte die Chancen, die diese Krise gesellschaftlich auch bedeuten, positiv mitgestalten.

Leute nehmen das immer noch nicht ernst

Es ist eine ernste Situation – sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Ich mache mir Sorgen um mir nahe stehende Personen wie meine Eltern, die zur Risikogruppe gehören. Ich ärgere mich auch, dass Leute weiter rumwandern als sei nichts.

Ich habe gelernt, mich zu schützen

Ich denke, Corona hat gute Chancen, seit Menschengedenken das meistgebrauchte Wort zu werden. Die Welt verändert sich, noch nie war das Leben so heruntergefahren. Mögen wir Menschen endlich verstehen, welche riesengroße Chance zum Umdenken und zur Umkehr darin liegt!